Ohne Gurt und Kugellager - Octane Magazin

Ohne Gurt und Kugellager

2014-12-10 12:45
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Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 2

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Text Sabine Friebe // Fotos Sabine Friebe


Das Klassik-Taxi ist für den Wahl-Berliner Matthias Zierau ein Lebensprojekt, ein Stück Kunst, Lifestyle. Fast rund um die Uhr, 30.000 Kilometer im Jahr. 

 

Er ist weder Sammler von Oldtimern noch ein gewöhnlicher Taxifahrer. Matthias Zierau ist, sagen wir Oldtimerfan, seit er denken kann. Schon als Student fuhr er nebenbei Taxi. Erst als sein Sohn geboren wurde, wurde das Passanten befördern jedoch sein Hauptberuf. 2010 machte er sich dann mit einem Oldtimer selbstständig – genauer mit einem Peugeot 404 Superluxe, Jahrgang 1963. Auf den Federkernsitzen fühlt man sich wie auf einem Ledersofa Anschnallen muss man sich nicht, denn Gurte gibt es in diesem Modell nicht Die schöneren Erlebnisse sind die kreischenden Mädels, die die Sitze streicheln, weil sie gerade erfahren, dass vor ihnen Matthias Schweighöfer dort gesessen hat. Oder ganz normale Fahrgäste, die sich freuen, für einen Moment in den Lifestyle der 50er Jahre einzutauchen 


Schon mal ein Taxi mitten aus der Schlange gefischt? Natürlich nicht, denn es gehört zum guten Ton, den Ersten zu nehmen. Was macht man also, wenn man in einer langen Taxi-Schlange aus lauter ähnlich geformten Pkw einen Oldtimer entdeckt? Einen Klassiker, ohne Navi, Klimaanlage, Einparkhilfe... Was macht man da? Warten, bis der an der Reihe ist – und sich dann mit anderen Genießern daraufstürzen? Nein, das ist nicht nötig. Denn in Deutschland besteht freie Taxiwahl. So steht es offiziell im Beförderungsgesetz. Dass das viel zu wenige wissen, ist sehr schade, denkt sich Matthias Zierau. Mit seinem fünfzig Jahre alten Peugeot 404 verdreht er zwar die Köpfe in ganz Berlin, aber den Absatz im Beförderungsgesetz kennt fast keiner seiner Fahrgäste. Und doch freuen die sich immer über eine Fahrt in dem Wagen. Matthias Zierau ist Oldtimerfan, seit er denken kann; Okay, seit er sich für Autos interessiert. Schon als Kind bekam er eine Oldtimer-Zeitschrift in die Finger und stellte für sich fest: Diese Autos sind einfach so viel schöner.

Bis er sein Faible in seinen Beruf integrierte, dauerte es allerdings noch eine Weile. 1990 zog er als Jura-Student nach Berlin, war für das Studium aber nur noch eingeschrieben, mehr oder weniger. Nebenbei fuhr er für ein Taxi-Unternehmen. Aufregender als das Studium war ein Nebenjob bei den Filmstudios in Babelsberg – als Stuntman. Das lief manchmal so gut, dass Zierau gar nicht mehr Taxi fuhr. Meistens aber nicht. »Ich hatte nicht immer Lust, mich um die Drehs zu kümmern«, gesteht er sich ein. »Dann wurde mein Sohn geboren, und dadurch war dann sowieso verlässlicheres Geldverdienen angesagt, und so bin ich beim Taxifahren hängengeblieben.« Die Idee, sich mit einem Oldtimer selbstständig zu machen, schwelt schon lange in ihm. 2010 wagt er es. Die neue Herausforderung ist fast fünfzig Jahre alt. Zierau kauft sich sein eigenes Taxi, einen Peugeot 404 Superluxe. Jahrgang 1963, und bringt den in Eigenregie auf Vordermann.

 

Schließlich mutet er seinem Schmuckstück im Jahr fast 30.000 Kilometer Stadtverkehr zu

 

Drei Monate dauert die Restaurierung und der Umbau zum Taxi. Ein bisschen Mechanik, Hohlraumkonservierung, etwas Blech und eine neue Kupplung. Das heißt eine alte, mit Grafitring statt Kugellager. »Dieser Ring war nach einem Jahr dann so schnell hinüber«, erinnert sich Zierau, »dass er direkt ganz auseinander geflogen ist und das gesamte Kupplungsgehäuse zerschlagen hat.« Wenn die neue Kupplung – inzwischen mit Kugellager – länger als ein Jahr in dem alten System mitmacht, ist Matthias Zierau zufrieden. Schließlich mutet er seinem Schmuckstück im Jahr fast 30.000 Kilometer Stadtverkehr zu. Für einen Wagen, der ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, ist das natürlich eine echte Tortur. Meistens ist Zierau nachts unterwegs. »Gerade im Winter ist das schon doof. Wenn ich dann um 14 Uhr aufstehe, kriege ich gar kein Tageslicht mehr ab. Ich versuche gerade, das etwas umzustellen. Früher aufstehen und dafür schon um 16:00 Uhr anfangen.« Wer aber in Berlin eine ganze lange Nacht hindurch unterwegs war und dann den 404 als Taxi für den Heimweg erwischt, ist immer ein glücklicher Fahrgast. Auf den Federkernsitzen fühlt man sich wie auf einem Ledersofa. Auch vorne sind die Sitze wie eine Bank (Lenkradschaltung!), also zwei Sitze auf Stoß, ohne Seitenhalt – »da rutscht man dann fröhlich hin und her«. Anschnallen muss man sich nicht, denn Gurte gibt es in diesem Modell nicht. Gestört hat das bisher so gut wie niemanden. Im Gegenteil: »Am Bahnhof stand mal eine Frau mit zwei kleinen Kindern, die schon fast am Heulen war, weil kein Taxifahrer sie mitnehmen wollte, denn keiner hatte gleich zwei der geeigneten Rückhaltesitze dabei. Die hat sich mächtig gefreut, dass sie da überhaupt wegkam.« Auch das Öffnen der Türen von innen erschließt sich heute kaum jemanden mehr. Vor ein paar Jahren, als er noch in einer Mercedes E-Klasse unterwegs war, hätte das durchaus von Vorteil sein können: »Da hat mir ein Besoffener während der Fahrt das Nasenbein gebrochen. Weil er nicht rauchen durfte. Der hätte dann nicht so einfach wegrennen können.« Aber diese Geschichte ist ein Einzelfall in Zieraus zwanzig Jahren als Taxifahrer. Die schöneren Erlebnisse sind die kreischenden Mädels, die die Sitze streicheln, weil sie gerade erfahren, dass vor ihnen Matthias Schweighöfer dort gesessen hat. Oder ganz normale Fahrgäste, die sich freuen, für einen Moment in den Lifestyle der 50er Jahre einzutauchen.

Denn den lebt Matthias Zierau durch und durch. Dazu gehört die entsprechende Kleidung, Countrymusik und natürlich Rock’n’Roll. Er arbeitet viel. Acht bis zehn Stunden täglich. Nicht nur im Taxi, sondern gerne auch mal darunter. Schließlich ist dieser Oldie alles andere als ein Sonntagswagen. Fast täglich im Einsatz, fordert er regelmäßige Reparaturen und Pflege. Viel Geld verdienen lässt sich mit diesem Projekt nicht. Aber wenn Matthias Zierau hinter dem Lenkrad sitzt, hat er immer ein breites Grinsen im Gesicht. Wenn der Taxifahrer privat unterwegs ist, nimmt er als Ausgleich für die vielen Autostunden dann aber lieber das alte Motorrad. Oder das Fahrrad. Oder das Skateboard. Oder eins von vier Paddelbooten. Über den kleinen »Fuhrpark Zierau« wird in der Nachbarschaft wohlwollend gelacht. »Wenn ich mal jemanden treffe, mit dem ich mir vorstellen kann, eine größere Geschäftsidee zu verwirklichen, mache ich vielleicht irgendwann auch mal wieder was ganz anderes. Aber nur vielleicht.« Bis dahin wird der 404 weiter gerockt. Für normale Taxifahrten, aber auch besondere Anlässe kann man Fahrten mit Matthias Zierau und dem Peugeot 404 buchen:

klassik-taxi-berlin.de

 



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