Alvis lebt! - Octane Magazin

Alvis lebt!

2015-04-17 09:46
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Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 10

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Text Giles Chapman // Fotos Mark Dixon


Als der Inhaber von Red Triangle AutoServices bei einem Oldtimertreffen 1982 einen Alvis Speed 25 sah, war es um ihn geschehen. Ihm gefiel die Marke so gut, dass er die Firma kaufte.

Zumindest eine Komponente der allerersten Alvis von 1920 wurde bis zu den letzten Modellen 1967 verwendet: die Ventilführung – die man noch heute im englischen Kenil-worth kaufen kann. Neu und frisch vom Regal weg. Für viele ist die Marke Alvis nur schwer einzuordnen. Alvis sind sportliche Klassiker irgendwo zwischen Jaguar und Aston Martin. Elegante Tourer, aber nicht ganz so prächtig wie Bentleys. Waren sie früher nur für absolute Insider, so zählen sie inzwischen zu den ganz großen Klassikern mit besonderer Note – nicht zuletzt aufgrund einiger Auftritte in Filmen mit diesem gewissen englischen Touch

Wenn für Dreharbeiten ein Auto gebraucht wird, hilft Alan Stote gerne aus, schließlich fördert jeder Auftritt das Image. Für ein Auto, das seit fast fünfzig Jahren nicht mehr gebaut wurde, mag das ziemlich rührig anmuten, aber mit Alvis werden immer noch gute Geschäfte gemacht. Die Firma Red Triangle AutoServices Ltd. wurde im Juni 1968 gegründet – neun Monate, nachdem der letzte Alvis, ein TF21, in der Fabrik in Coventry vom Band lief. Alvis hat ab dem Zeitpunkt nur noch Militärfahrzeuge angefertigt. »Es ist der Wunsch der British Leyland Motor Corporation«, schrieb damals Alvis-Chef J. J. Parkes, »dass der Service für Alvis-Autos auf angemessene Weise fortgesetzt wird.« Und weiter: »Ich möchte hiermit ausdrücklich versichern, dass es unser Wunsch ist, die mit dem Namen Alvis verbundenen Werte zu erhalten.« Die Gründungsdirektoren hatten Alvis-Besitzern wirklich einen angemessenen Service zukommen lassen, aber nach ein paar Jahrzehnten war die Firma ein wenig verschlafen und – gelinde gesagt – altmodisch. Die Rezession von 1992 setzte dem Betrieb zu. 1994 erwarb Stote Red Triangle Auto Services. Nachdem er seinen Anteil an BTS, einem Ersatzteilhersteller mit 600 Angestellten, verkauft hatte, brachte Stote außer Cash auch viel Management-erfahrung mit. Es ging um mehr als um pure Geschäftslogik. »Ich wollte die Autos erhalten«, sagt er. »Die Firma stammt aus einer längst vergangenen Ära. Manche Hersteller bauten gut aussehende Autos, die allerdings technisch eher mittelmäßig waren, andere bauten technisch hervorragende Autos, die dann wiederum nicht so richtig schön waren. Dagegen ist es Alvis immer wieder gelungen, die goldene Mitte zu finden. Die Autos hatten keine sehr komplexe Technik, aber der Alvis-Gründer T. G. John war sowohl Geschäftsmann als auch Ingenieur, und es war ihm wichtig, dass in einem Alvis nur Qualitätsprodukte eingebaut wurden.«

Wie wichtig Stote Qualität ist, wird sichtbar, sobald er die Türen zu der Garage öffnet, in denen die Herzstücke seiner Sammlung versteckt sind. Sechs Prachtexemplare – akkurat Seite an Seite geparkt und alle fahrbereit – begeistern das Auge des Betrachters. Sie sind ein Spiegel der Alvis-Produktion vom ersten bis zum letzten Tag. Ganz rechts steht ein 10/30 von 1922. Er sieht ganz ordentlich aus, aber keineswegs überwältigend. »Ein qualitativ hochwertiges Auto, das zu der Zeit mehr als 400 Pfund gekostet hat – ziemlich viel, wo man für einen Austin Seven 225 Pfund hinlegen musste«, sagt Stote. »Für Zuverlässigkeitsläufe war der hervorragend geeignet, und die damals schwer angesagt.

»Bis nach Südfrankreich würde man wohl nur ungern mit diesem Auto fahren.«

Dieser Wagen hat an der Land’s End Trial teilgenommen, augenscheinlich für einen Privatmann, aber in Wirklichkeit war er dort für die Fabrik unterwegs.« Einen Moment später fügt er hinzu: »Aber bis nach Südfrankreich würde man wohl nur ungern mit diesem Auto fahren.« Daneben steht der wohl untypischste Alvis: ein 12/75 Front-Wheel-Drive. Auf dem Gebiet war Alvis eine Art Pionier, zumal das Auto auch eine vordere Einzelradaufhängung hat. Dieses Modell verdankt einen Teil seiner Innovationen einem bemerkenswerten jungen Mann namens Arthur Varney. Der stieß 1922 als 14-jähriger Lehrling zu Alvis, stieg auf bis zum Posten des Chefingenieurs und ging genau fünfzig Jahre später aus dem Geschäftsbereich Flugabwehr heraus in den Ruhestand. Er entwickelte für die Firma das weltweit erste vollsynchronisierte Getriebe.

Der mit vielen Patenten geschmückte 12/75 kam 1928, kurz vor der Weltwirtschaftskrise, auf den Markt. Mit lediglich 150 verkauften Exemplaren stellte Alvis die Produktion 1930 ein. T. G. John befolgte den Rat seines Londoner Händlers Charles Follett: Große, schnelle und vor allem schicke Reiselimousinen waren es, was die gutbetuchten Kunden in der Innenstadt von London wollten. Dieser Nachfrage kam Alvis mit den Speed Models nach, von denen das 4,3-Liter-Modell die Krönung war. Von denen besitzt Stote zwei – einen mit Cross & Ellis-, den anderen mit Vanden-Plas-Karosserie. Diese beiden Autos waren es, die ihn zu Alvis hingezogen hatten, nachdem er so unterschiedliche Autos wie einen Marcos, einen MG J2 und einen 1923er Cadillac V8 besessen hatte.»1982 bin ich zu einem Treffen des Vintage Sports Car Club gefahren«, erinnert er sich, »und da stand dieser Cross & Ellis Speed 25 mit dieser langen Motorhaube und den riesigen Lucas-P100-Scheinwerfern. Für mich war das der Anfang einer Liebesbeziehung zu Alvis. Ich habe dann einen Speed 20 zum Restaurieren gekauft, der mir in jeder Hinsicht weitaus mehr als erwartet zurückgegeben hat.« Die letzten beiden Autos sind Nachkriegsmodelle: ein schwarzer TB21 und ein schlanker, goldfarbener TF21 mit einer Karosseriesonderanfertigung von Graber. »Ein von der Schweizer Karosseriebaufirma eingekleideter TF21 hat damals fast doppelt so viel gekostet wie eine Standardversion.« Und damit schließen sich die Garagentore.

Aber das war noch lange nicht alles. In einem zweiten Gebäude befindet sich eine weitere Fundgrube für Autos und Memorabilia – unter den Ausstellungsstücken ein Alvis Scooter, ein Leonides-Flugzeugmotor und Gegenstände, die aus den Alvis-Prüflaboren herübergerettet wurden. Zu den Autos gehören der Alvis Goodwin Special und der Powys-Lybbe Special sowie ein Lancefield Speed 25 und ein 4,3-Liter mit Offord-Karosserie. Eines der atemberaubendsten Alvis-Modelle ist aber wohl der 4,3-Liter-Vanden-Plas mit Kurzchassis, ein geschwungener und unendlich breiter, offener Viertürer, von dem zwölf gebaut wurden und elf überlebt haben. » Zeit, das Privatgrundstück von Alan Stote zu verlassen und zu seiner Firma aufzubrechen. Hier warten die Autos, die man heutzutage am ehesten mit Alvis assoziiert: die Modelle TD, TE- und TF. Dicht an dicht drängen sie sich – in unterschiedlichen Zuständen und Restaurierungsstadien. Siebzehn Mechaniker sind in ihrer Arbeit versunken, zwei von ihnen waren schon 1967 bei Alvis Ltd. Die Firma führt heute vollständige Restaurierungen für Leute durch, die, wie Stote sagt, »etwas für ihr Geld erwarten und genau wissen wollen, was gemacht wird«. Ein Ausstellungsraum beherbergt eine Phalanx von Kundenautos, die zum Verkauf stehen – direkt daneben ein Exemplar, das Stote besonders ans Herz gewachsen ist: das einzig noch existierende Front-Wheel-Drive-Grand-Prix-Auto mit Reihenachtzylinder von 1927, das er zusammen mit FWD-Experte Tony Cox besitzt.

Ein Exemplar, das Stote besonders ans Herz gewachsen ist: das einzig noch existierende Front-Wheel-Drive-Grand-Prix-Auto mit Reihenachtzylinder von 1927, das er zusammen mit FWD-Experte Tony Cox besitzt

Einen Raum weiter: Hier sieht es aus wie in einer Schatzkammer, einem Tresorraum einer Anwaltskanzlei. Doch der große Tisch in der Mitte dient einem ganz besonderen Zweck: Hier werden die Pläne aller jemals gebauten Alvis in ihrer ganzen Herrlichkeit ausgebreitet. Alle technischen Zeichnungen – es gibt rund 14.000 –, Baupläne, Konstruktionsunterlagen und Briefe sind sorgfältig archiviert. Sie sind für die Besitzer der 4562 noch existierenden Autos – das entspricht einem Fünftel der gebauten Gesamtmenge – von unschätzbarem Wert. »Das Archiv ist das Herz von Red Triangle«, sagt Alan Stote und greift wahllos nach einer Akte. Chassis-Nr. 17652, ein Speed 20 von 1935. »Als Sammler bekommt man ja irgendwann so eine Art Tunnelblick – was das Urteil verzerrt. Aber das Archiv hier ist wirklich durch nichts zu ersetzen. Die Lückenlosigkeit kann einen etwas überwältigen. Denn in ihr spiegelt sich all das wider, was die Marke Alvis zu dem gemacht hat, was sie ist. «


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