Endlich: Disco-Comeback! - Octane Magazin

Endlich: Disco-Comeback!

2014-12-12 11:45
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Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 8

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Text Dale Drinnon // Foto Martyn Goddard


Der originale Disco Volante ist und bleibt eine von Tourings 
spektakulärsten Kreationen. Hier nun kommt eine neue Interpretation des Themas – die tatsächlich in Kleinserie gebaut wird. 

WOW! So muss sich Elvis gefühlt haben. Eine wuselnde Menge um uns herum. Die Kameras der Paparazzi klicken unentwegt. Lächelnd zeigen die Leute auf uns und winken, wenn wir an ihnen vorbeifahren. An einer Ampel hat eine verrückte Lady offenbar die Absicht, durch mein offenes Fenster auf der Fahrerseite in den Alfa gleich hineinzuklettern. 

Die neue, limitierte Version des Disco Volante als Hingucker zu bezeichnen, wäre – und das meine ich wirklich so – eine Untertreibung monumentalen Ausmaßes. Selbst in der von Raritäten geprägten Atmosphäre eines Villa-d’Este-Wochenendes, wo am wunderschönen Comer See ein Veyron oder Enzo kaum ein Augenbrauenzucken hervorruft, landet Tourings kühne Neuinterpretation eines Alfa der 1950er bei jedem ganz oben auf der Favoritenliste. Und am Sonntag, Höhepunkt des Wochenendes, gewinnt er den Concorso d’Eleganza Design Award. Vergeben wird der Preis für Concept-Cars und Prototypen nach einer Umfrage unter den sicher kenntnisreichsten Auto-Kennern überhaupt. Eine perfektere Werbung für die wiedererwachende Carrozzeria Touring, heute Carrozzeria Touring Superleggera genannt, hätte es kaum geben können. Konstruiert auf Basis des exotischen, 290 km/h schnellen Alfa 8C Competizione mit 450 PS, ist der Alfa Romeo Disco Volante by Touring – so sein voller Name (nur dieses eine Mal, versprochen) – ein unglaublich schneller, moderner, fehlerfreier, nutzerfreundlicher Exot. Zugleich ist er mehr als roh genug, um die tieferen Street-Punk-Impulse seines Fahrers zu befriedigen. Er ist Michelangelos David mit Pfadfinder-Abzeichen fürs Helfen älterer Damen beim Überqueren der Straße ... aber mit einem Schnappmesser in der hinteren Hosentasche.

Er ist Michelangelos David mit Pfadfinder-Abzeichen fürs Helfen älterer Damen beim Überqueren der Straße ... aber mit ei­nem Schnappmesser in der hinteren Hosentasche.


MEHR ALS ERBAULICH
Die Seele kommt vom Alfa 1900 C52 von vor sechzig Jahren —
das Skelett des Disco Volante Nuevo ist das Space-Frame-Chassis
des Alfa Romeo 8C Competizione.


Um das zu erreichen, musste Touring eine ziemlich lange und reichlich düstere Durststrecke überwinden. Gegründet 1926 und eins der großen Design-Studios der Automobilgeschichte, war Touring einer der Pioniere der Superleichtbauweise – eben Superleggera – im Karosseriebau. Mithilfe eines Stahlskeletts, das die hauchdünne Aluminium-Haut der Karosserie-Paneele in Form hielt. Die Konstruktion, vom Prinzip her der eines Zeppelins ähnlich, wurde ab 1930 für Rennwagen und Super-Cars verwendet, darunter einige legendäre Ferrari und Aston Martin – und meiner Meinung nach der beste Rennsportwagen aller Zeiten: der 1938er Alfa 8C 2900B Mille Miglia Spider. Firmenchef Carlo Felice Anderloni – Sohn des Touring-Gründers Felice Bianchi Anderloni – starb 2003, die Marke Touring übernahm drei Jahre später der niederländische Konzern Zeta Europe BV, ebenfalls Besitzer von Borrani. Zeta setzte sich zum Ziel, den Namen Touring wieder 
als einen Premium-Hersteller von Karosserie-Kleinserien zu etablieren. Im Jahr 2008 heimste man ein paar ansprechende Kritiken ein für gelungene Projekte auf Maserati-Basis, die bei der Villa d’Este debütierten: der Bellagio Fastback und der A8GCS Berlinetta. Zwei Jahre später gab es in Genf für den Bentley Continental Flying Star Shooting Brake, basierend auf einem Bentley Continental GTC, ebenfalls durchweg positive Kritiken – und er blieb bis heute die einzige, voll von den Briten gebilligte Special Edition eines Bentley. 

 

 

Da war es nur natürlich, dass das nächste Touring-Produkt von ähnlichem Charakter sein sollte. Ebenfalls klar, dass der Hersteller daran beteiligt sein sollte, mit dem Touring historisch am engsten verbunden ist: Alfa Romeo. Das Glasdach ist tatsächlich einer der cleversten Schachzüge der Designer des Autos, beeinflusst es doch das Äußere, aber sehr stark auch das Innere. Dank seiner extrem dunklen Tönung tut es das auf äußerst subtile Art. Erst nach ein paar Kilometern fällt einem auf, dass das Interieur nichts, rein gar nichts von diesem Beengenden hat, das ja doch in vielen anderen, relativ kleinen, zweisitzigen, geschlossenen GTs so bedrückend sein kann – ganz besonders an trüben Regentagen. Das Cockpit scheint sich über die Grenzen des Autos hinaus zu erstrecken und macht es so deutlich größer als es tatsächlich ist. Man fühlt sich wie in einem offenen Auto. Hier allerdings bleibt man im Trockenen.


CABRIO-FEELING OHNE KÄLTE UND NÄSSE!

Auch die sparsame Verwendung von hellen Farben im Interieur hebt die Stimmung. Zwar wurden die meisten Instrumente, Schalter und Bedienelemente vom 8C übernommen, doch Touring hat genügend kosmetische Maßnahmen ergriffen, um den Innenraum auf Disco-Volante-Linie zu bringen. Ein wenig unsicherer bin ich, was die fluoreszierenden, rot-orangenen Disco-Volante-Embleme unterhalb der Kopfstützen betrifft, die beim Einschalten der Hauptscheinwerfer aufleuchten. Für meinen Geschmack ist das vielleicht ein wenig zu sehr Diskothek, zu sehr nach Machart dieser Spiegelkugeln und Spandex-Leggings ... Aber okay, für den Fahrer sind sie ja nur selten sichtbar. Die Sitze selbst bestehen aus einer Kohlefaserschale – Racing Style –, sie sind manuell einstellbar, zwar etwas hart, dabei aber komfortabel ge-nug und mit hervorragendem Seitenhalt. Ansonsten bietet das Interieur die meisten der heute anscheinend zwingend nötigen Annehmlichkeiten: alles elektrisch, ein Klapp-Display fürs Navi, Rückblick-Kamera (bei der winzigen Heckscheibe ein Geschenk des Himmels) und den üblichen Hightech-Klimbim (da-runter ein i-plug-Port in der Konsole, den ich nicht 
kritisieren werde, weil ich nicht den blassesten Schimmer habe, wozu der gut sein soll). Die elektrische Handbremse (sehr trendy) macht wenigstens coole mechanische Geräusche, wenn sie gelöst wird. Alles in allem, trotz meiner dem Alter geschuldeten Schrulligkeit, verströmt der Disco eine nette Mischung aus Überfluss und geschäftlichem Auftreten. Er ist auf beruhigende Weise sehr italienisch. Der Kunde sollte mit einer Bauzeit von sechs Monaten rechnen, da jedes Auto auf Bestellung gefertigt wird. Die Optionsliste ist sehr, sehr lang und so haben Kunden die Möglichkeit, fast alles nach eigenen Wünschen zu spezifizieren. Selbst ein Metalldach, das aber weder die Form noch das Layout des Fahrzeugs beeinflusst, ist zu haben. 

Darum wird Touring den Preis nur von Fall zu Fall diskutieren. Es gibt nicht mal einen Hinweis auf einen Basispreis. Doch wenn man sich 4000 Stunden italienischer Handwerkskunst vorstellt, die in eins der exklusivsten Super-Cars der Welt investiert 
werden, kann man sich den Preis vermutlich so ungefähr vorstellen. 
Außerdem sollte man nicht vergessen, dass 
Touring plant, von den 500 gebauten Alfa 8C lediglich acht in einen Disco Volante zu verwandeln. Der, den man hier sieht, wurde beim Genfer Salon 2013 gleich am ersten Tag verkauft.


ALFA ROMEO DISCO VOLANTE

BAUJAHR 2013 MOTOR 4691 ccm V8, DOHC, elektronische Benzin-Saugrohreinspritzung, vier Ventile pro Zylinder MOTORLEISTUNG 450 PS bei 7000 U/min DREHMOMENT 480 Nm bei 4750 U/min KRAFTÜBERTRAGUNG Sequenzielles Sechsganggetriebe, Hinterradantrieb LENKUNG servo-unterstützte Zahnstangenlenkung FAHRWERK Vorne und hinten Doppelquerlenker, variable Dämpfer, Spiralfedern BREMSEN Belüftete Scheiben rundum LEERGEWICHT 800 kg HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT über 292 km/h,von 0–100 km/h in 4,2 Sekunden



 


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