Autogrammjäger oder: Es darf auch ein Stück Klopapier sein - Octane Magazin

Autogrammjäger oder: Es darf auch ein Stück Klopapier sein

2014-12-10 12:05
(Kommentare: 0)

Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 3

Zum Heft Heft bestellen Abo

Text Giles Chapman 


Im Gedächtnis bleibt immer der Moment lebendig, in dem man zugeschlagen hat. Mit diesem Wisssen ist auch der Tunnelblick bei der Autogrammjagd erklärbar. 

Didier Pironi gab unserem Autor 1981 halbherzig ein Autogramm –  welches ein paar Jahre lang am Leben blieb. Und seinen (undankbaren) Besitzer und Wegwerfer zum Nachdenken über die Sache mit der Autogrammjagd  brachte. Im Folgenden die Gedanken zur Aura des Originalen.

Eigentlich weiß das jedes Kind: Es zählt nicht, was genau da steht, sondern, wer es geschrieben hat – wenn man ein Autogramm betrachtet. Ich glaube allerdings, die Umstände, unter denen man es ergattert hat, sind noch wichtiger – auch wenn sie in der Erinnerung verschwimmen. Das wiederum sagt viel aus über den Tunnelblick, der mit dem Sammeln einhergeht. Im Gedächtnis bleibt immer der Moment lebendig, in dem man zugeschlagen hat. Da war ich also 1981 zum ersten Mal beim Grand Prix in Silverstone, eher deplatziert aufgrund meiner dürftigen Kenntnisse des Sports. Ein wohlmeinender Freund der Familie hatte angeboten, mich reichlich mies gelaunten Fünfzehnjährigen mitzunehmen. Es war ein milder, sonniger Morgen; das erste Training war in vollem Gange. Ich dachte gerade daran, mich lieber in Richtung Wiese oder Parkplatz abzusetzen, um mich dort ein bisschen herumzutreiben, als plötzlich, mit einem gewaltigen Aufheulen und dem Geruch von Gummi, ein feuerroter Ferrari von der Strecke schlitterte und zum Abschluss mit einer formvollendeten Pirouette nur wenige Meter von dort zum Stehen kam, wo wir eben noch entlang geschlendert waren. Ich war viel zu unaufmerksam gewesen, um den Moment mit einem Foto festzuhalten. Schon hatte der Fahrer sich aus dem Cockpit gehievt und stiefelte nun genau in unsere Richtung; der Helm war runter und er riss sich die weiße, feuerfeste Balaklava vom Kopf. Er schüttelte sein lockiges Haar. Es war Didier Pironi. Und er sah wütend aus. In meiner Hosentasche befand sich eine zentimeterdicke Lage dieser Notizklötze, die man neben dem Telefon liegen hat. Jedem, der auch nur im entferntesten eine Ahnung von korrektem Benehmen gehabt hätte, wäre klar gewesen, dass dies wirklich nicht der richtige Zeitpunkt war, um ein Autogramm zu erbitten – Herrgott nochmal, irgendwas in diesem verzogenen Auto zischte schließlich noch! 


Irgendwann habe ich es weggeschmissen, einfach, weil ich nichts Gescheites damit anzufangen wusste und es auch nicht im Entferntesten einer Trophäe oder  gar einer echten Wertanlage ähnelte.


Andererseits versprach dieser Moment der einzige echte Moment des Tages zu werden – einer dieser Augenblicke, in denen etwas tatsächlich vor meinen eigenen Augen geschah, das mich gepackt hat. Irgendwie. Als Pironi auf uns zu stampfte, riss ich meinen Block heraus. Erstaunlicherweise krallte er sich diesen, nahm meinen Kuli, kritzelte im Vorbeigehen seinen Namen darauf und ließ den Block zurück in meine Hände und den Kuli auf den Boden fallen. Ich habe dieses Autogramm danach noch jahrelang aufbewahrt. Manchmal habe ich es mir genauer angeschaut. Da war ein großes, ein aberwitzig großes „P“ und dann, abgetrennt davon, nicht mehr als eine wellenförmige Linie für „ironi“. Das Ganze verströmte nichtsdestotrotz die ganze Raserei eines siegessicheren Rennfahrer-Champions, der sich gerade in die Leitplanke geschraubt hatte. Irgendwann habe ich es weggeschmissen, einfach, weil ich nichts Gescheites damit anzufangen wusste und es auch nicht im Entferntesten einer Trophäe oder  gar einer echten Wertanlage ähnelte. Bis heute habe ich nur einmal an das Autogramm gedacht, nämlich als Pironi, dank seiner draufgängerischen Fahrkünste bereits ein Krüppel, 1987 bei einem Jetski-Unfall ums Leben kam. Etwas anderes, das mir erst kürzlich auffiel, ist, dass nur die Unterschrift einer prominenten Person allein einen Wert darstellt. Das Letzte, was du willst, ist eine persönliche Widmung; „Mit besten Wünschen, Didier Pironi“ ist viel mehr wert als „Für Giles, Vielen Dank für das Gegenlesen meines Buchs über Fahrtechniken, und fürs Dasein, mit Liebe, Didier P.“, ob es nun auf dem Vorsatzblatt ist oder auf einem Stück Klopapier.

Die Herkunftsgeschichte meiner später verschmähten Pironi-Kritzelei hatte weitaus mehr Saft

Eine höchst oberflächlich durchgeführte Online- Recherche zu von Pironi signierten Devotionalien führt zum Beispiel zu einer Rechnung des Queen Mary Hotels in Long Beach, wo mein zu Unfällen neigender Held während des US-Grand-Prix im März 1981 vor Anker ging, Monate bevor ich ihn „traf“. Abgesehen von der erschöpfenden Aufzählung der von ihm in Anspruch genommenen Room-Services und einem schicken „Bezahlt“-Stempel, verrät die Rechnung wenig, außer, dass Didier Pironi am 11. März um 0 Uhr 42 mit Amex bezahlt hat. Was die Rechnung allerdings hat, ist eine Aura des Originalen, ein erkennbarer Gegenstand der zugleich beides ist, vergänglich und nachweislich authentisch. Die Rechnung wurde bereits beglichen, aber wenn man sie haben will, ist dafür der Sammlerpreis von 799 Dollar fällig. Die Herkunftsgeschichte meiner später verschmähten Pironi-Kritzelei hatte dagegen weitaus mehr Saft – Ich-werde-diesem-lästigen-Blag-jetzt-ein-Autogrammgeben- trotz-allem-was-eben-passiert-ist – aber, in Bezug auf seinen Wert, hätte sie keinen Cent mehr eingebracht. Andererseits: Wer sammelt schon aus solch niedrigen Beweggründen?  



Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 3

Zum Heft Heft bestellen Abo

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Folgen Sie uns auf: