Einmal Bandsalat und zurück - Octane Magazin

Einmal Bandsalat und zurück

2015-06-30 12:11
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Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 4

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Es gab mal eine Zeit, da sah man sie auf jedem Rastplatz, auf Standspuren und in Hecken lag sie herum: die von Bandsalat befallene »Compact Cassette«. Dem Schicksal der unentwirrbaren, flatternden Überreste von jäh unterbrochenem Musikgenuss vorausgegangen, war ein zutiefst brutaler Akt blinder Zerstörungswut.

Der Auftakt vor dem Ende, bevor jemand fluchend, während der Fahrt die Kassette aus dem Tapedeck seines Autos herausgerissen und aus dem Fenster gefeuert hatte – der Auftakt war, dass sie nicht mehr lief. Wenn sie dann am Straßenrand lag und das Ferrochromband im Wind wehte, sah das fast poetisch aus – wie die Mahnung, dass alles irdische Vergnügen vergänglich ist. Tonaufnahmen auf Magnetband oder Kupferdraht, seit 1898 bekannt, spielen bis Mitte der 1930er Jahre praktisch keine Rolle. Dann entwickelten AEG und BASF ein Spulen-Aufzeichnungs-Wiedergabegerät, wobei sie zunächst mit Bändern aus Papier und später mit einer Polyestermischung experimentierten. Marktführer wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Ampex. Durch diverse technische Verbesserungen besiegelte Ampex nicht nur den Durchbruch des Kassettenrekorders, die amerikanische Firma leitete sogar eine regelrechte Revolution im Bereich der Aufnahme- und Übertragungstechnik ein. Zwar kamen so die neuen Spulen-Aufzeichnungs-Wiedergabegeräte auch – und gerade – bei Vollblut-Musikfreaks an, sie wurden Be-standteil jeder besseren Hi-Fi-Anlage. Doch die sperrige Technik, verbunden mit dem Umstand, dass die »8-Spur-Kassette« immer noch teurer war als das Vinyl von Singles und Langspielplatten, setzte sich nicht beim Normalverbraucher durch. Magnettonbänder, 6,35 Millimeter breit, rauschten mit der unglaublichen Geschwindigkeit von 38,1 Zentimetern pro Sekunde an den Aufnahmeköpfen vorbei. Für Hörer, die bereit waren, Qualitätsverluste beim Sound hinzunehmen, konnte diese Geschwindigkeit im Sinne der Wirtschaftlichkeit bis auf 19,5 cm oder, bei den miesesten Geräten, auf 9,5 cm, abgesenkt werden. Man stelle sich also mal die Reaktion eines audiophilen Aficionados vor, als der niederländische Elektronikkonzern Philips 1962 eine Neuerung vorstellt, die er Compact Cassette nennt: eine handgroße Plastikkassette, darin zwei Spulen mit BASF-Magnetband, das nur 0,3 cm schmal, aber ganze 132 Meter lang ist und das bei einer noch niedrigeren Geschwindigkeit von 4,7 cm pro Sekunde abläuft.

Vom grauen Büro-Utensil zum Lifestyle-Produkt

Das von Philips für Diktafone entwickelte Format erregte gleich bei seiner Vorstellung auf der Berliner Funkausstellung die Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft der unbestrittenen Meister der Miniaturisierung, der Japaner. Nach langwierigen Verhandlungen mit Sony und wechselseitig kriegerischen Winkelzügen diverser europäischer Hersteller willigte Philips schließlich ein, auf Lizenzgebühren für ihre Neuerung komplett zu verzichten, wobei sie Sony, vielleicht in einer letzten grimmigen Volte, den Exklusivdeal für ihr Patent verweigerten. So begann eine Revolution auf dem Gebiet des Musikhörens. Der Werbe-Slogan von Philips lautete erstmals »der neue Sound zum Mitnehmen«. Der Wandel vom grauen Büro-Utensil zum Lifestyle-Produkt wurde von zwei Dingen begleitet: die Dolby den 90ern immer noch in die Billionen. Doch mit der bespielbaren CD konnte Musik noch leichter und besser kopiert werden – die MC wurde zum Rückzugsgebiet der Heim-DJs, die stundenlang Mixtapes ihrer Lieblingslieder zusammenstellten. Obwohl – oder weil? – wir heute in einer so fest-gefügten, geradezu vorproduziert wirkenden Welt leben, spielt die Kassette als Kultmedium eine nicht unerhebliche Rolle im musikalischen Underground. Und wie in einer letzten, irgendwie postmodernen ironischen Volte gibt es jetzt sogar Hüllen für den iPod und das iPhone, die genauso aussehen wie vollgekritzelte Musikcassetten. Fehlt nur der Bleistift.


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