Schlange mit neun Leben - Octane Magazin

Schlange mit neun Leben

2015-08-03 12:17
(Kommentare: 0)

Die ganze Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 16

Zum Heft Heft bestellen Abo

Text Winston Goodfellow // Fotos Michael Furman


Das Leben des Shelby Cobra Daytona Coupé-Prototyps ist an Abwechslung kaum zu übertreffen

Sucht man unter Herstellern nach den sprichwörtlichen neun Leben, fällt einem katzen-bedingt am ehesten Jaguar ein. Doch es gibt auch eine Schlange, die über eine Menge Leben verfügt: das Shelby Cobra Daytona Coupé mit der Chassisnummer CSX2287. Seine Historie ist kurviger als die Eifler Nordschleife. Nach WM-Ehren wurde diese Cobra bei den International Historic Motoring Awards 2014 in London als »Auto des Jahres« ausgezeichnet.


Es ist jedoch eine Geschichte mit Hindernissen – die in den 1950er-Jahren ihren Anfang nimmt. »Als Rennfahrer habe ich immer darüber nachgedacht, wie ich ein Auto bauen würde«, erzählte mir Carroll Shelby vor vielen Jahren. »Colin Chapman und Eric Broadley legten zu der Zeit gerade los und in England schossen die Garagisten nur so aus dem Boden. Ich nahm an, dass man kein großes Kapital brauchte, um sein eigenes Auto zu bauen.« Shelby erzählte auch, kurz nach seinem 1959er Triumph in Le Mans sei ihm klar geworden, dass seine Heimat Texas »rückständig« war, was Rennsport und Sportwagen betrifft. Also zog Shelby nach Los Angeles, zunächst zur Werkstatt von Dean Moon in Santa Fe Springs. Für Goodyear verkaufte er Rennreifen, auf der Rennstrecke von Riverside gab er Kurse für Rennfahrer. Zwei Meldungen in Sports Car Graphic gaben seinem Leben 1961 eine neue Richtung. Ford, hieß es, werde einen kompakten V8 bauen und Bristol plane, für den Ace von AC keine Motoren mehr zu bauen. Das war die Initialzündung des AC Cobra von Shelby.

Die erste Cobra (Chassis-Nr. CSX2000) erhielt bei Dean Moon im Februar 1962 einen 260ci-V8-Motor und ein Vierganggetriebe. Das AC-Logo wurde von der blanken Alu-Karosserie entfernt, dann wurde der Wagen zum ersten Mal gestartet. Achtzehn Monate, 200 Cobras und einige Rennsiege später war die Marke Shelby auf dem besten Weg, in den USA ihre ersten Meisterschaften zu gewinnen. Schön und gut, aber Shelby wollte wieder nach Europa, um sich die FIA-Krone zu holen. Wenn Shelby die Europäer auf langen Geraden wie der Mulsanne schlagen wollte, mussten seine Autos mehr bringen als die 260 km/h, auf die sich die Cobra quälte.

Kaum sahen alle die konkrete Form aus glänzendem Aluminium – statt nur Brocks Zeichnungen – verflog die Skepsis

Diese Überlegung führte zur Entwicklung des Cobra Daytona Coupé. Shelby beauftragte dafür Pete Brock. Der Wendepunkt kam, wie Brock in Cobra Daytona Coupés schreibt, mit dem Renn- und Testfahrer Ken Miles. »Ohne ihn wäre es mit dem Auto nichts geworden.« Kaum sahen alle die konkrete Form aus glänzendem Aluminium – statt nur Brocks Zeichnungen – verflog die Skepsis. Letzte Zweifel wurden am 1. Februar 1964 weggewischt, als Miles bei einem Test in Riverside den Rundenrekord um 3,5 Sekunden unterbot.

Der Daytona-Coupé-Prototyp wurde fertiggestellt, etwas verbessert und wieder getestet. Dann transportierte man ihn am 16. Februar an die Ostküste für das 2000-km-Rennen von Daytona. Der Wagen startete von der Pole, tauschte in der Boxengasse mehrmals die Plätze mit einem Ferrari GTO und zog letztlich davon. Nach sieben Stunden – mit vier Runden Vorsprung in der Führung – bescherte ein Feuer infolge eines Differenzialdefekts das vorzeitige Aus. Einen Monat später wurde CSX2287 in Sebring Gesamtvierter und Erster in der GT-Klasse. Anschließend ging’s nach Europa, wo er fünf Rennen bestritt und einmal unter den Top Ten landete. Fünf weitere Exemplare wurden gebaut, doch die Daytona Coupés verpassten 1964 den Sieg in der Konstrukteursmeisterschaft. Ende 1965 rief Goodyear-Renndirektor Tony Webner bei Carroll Shelby an und bat den, für den nächsten Rekordversuch eine Cobra zur Verfügung zu stellen. »Das einzige Auto, das zurzeit läuft, ist der alte Prototyp«, erwiderte Shelby. »Und der ist ausrangiert. Ich kann nicht garantieren, dass er eine Stunde durchhält. Außerdem ist er für Straßenrennen konzipiert, nicht für Geschwindigkeitsrekorde.« Als Breedlove die mit Spoiler deutlich stabilere – und letztlich 30 km/h schnellere – Shelby Cobra fuhr, erzielte er sofort mit 299 Stundenkilometern einen neuen amerikanischen Klassenrekord.

Inzwischen befinden wir uns in den 80er Jahren. Fred Simeone aus Philadelphia, Neurochirurg und inzwischen bekannt als Sammler bedeutender Autos in unres-tauriertem Zustand, dazu: »Dieser Shelby ist so etwas wie der Heilige Gral. Bedeutende amerikanische Rennwagen zu sammeln ist nicht einfach – denn so viele gibt es einfach nicht«, sagt er. »Sicher, es gibt den GT40, die von Shelby, aber sonst? Nichts, was auf internationalem Level erfolgreich war. Im Vergleich zu Ferrari, Jaguar, Alfa und anderen haben wir kaum Historie.« Im Jahre 2001 begann das neue Leben mit einem ordentlichen Bad. »Seit 1965 hat niemand etwas an dem Wagen gemacht«, so Simeone. »Wir haben ihn gereinigt und die Mechanik überarbeitet. Nur eine Delle vorne haben wir repariert und lackiert.«

»Im Vergleich zu Ferrari, Jaguar, Alfa und anderen haben wir kaum Historie«

Das siebte Leben beginnt Anfang 2014 mit der Aufnahme von CSX2287 als erstem Auto im National Historic Register. »In diesem Verzeichnis sind vor allem erhaltenswerte historische Gebäude vertreten, wir haben uns wahnsinnig gefreut.« Das Jahr endete mit Leben Nummer 8 – als Sieger in der Kategorie »Auto des Jahres« bei den International Historic Motoring Awards. Es ist die einzige Kategorie, bei der das Publikum den Sieger bestimmt. »Diese Auszeichnung ist eine riesige Ehre«, sagt Brock. »Im historischen Kontext sieht die Geschichte heute anders aus, aber als wir das Auto gebaut haben, war der Widerstand dagegen so groß, dass ich glaube, dass wir es nur zu 80 Prozent hingekriegt haben. Jetzt bin ich aber überglücklich. «


SHELBY COBRA DAYTONA COUPÉ

Baujahr 1964 Motor 4727 ccm V8, OHV, vier Weber 48 IDA Vergaser Motorleistung 390 PS bei 6750 U/min Drehmoment 460 Nm bei 4000 U/min Kraftübertragung Vierganggetriebe, Hinterradantrieb Lenkung Kugelumlauflenkung Fahrwerk vorne und hinten Doppelquerlenker, querliegende Blattfedern, Teleskopdämpfer Bremsen Scheiben Leergewicht 1043 kg Höchstgeschwindigkeit Topspeed 300 – 318 km/h. 0 – 100 km/h in ca. 4 Sek


Die ganze Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 16

Zum Heft Heft bestellen Abo

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Folgen Sie uns auf: