Renaissance, Retro, Kitsch? - Octane Magazin

Renaissance, Retro, Kitsch?

2015-04-29 11:21
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Diese drei Renaissance-Modelle verbindet die Tatsache, dass es sie nur ein einziges Mal gibt

Jeder weiß es und mancher raunt es hinter vorgehaltener Hand: Die Autos von heute sind nicht mehr das, was sie mal waren. Daher kostet ein Ferrari aus zweiter oder dritter Hand ein Vielfaches der letzten nagelneuen 458 Sonderedition. Denn die Autos waren früher einfach besser! »Früher« bedeutet dabei: zwischen 1949 und 1964.Warum also nicht ein Auto bauen wie damals? Das verbindet diese drei Schönheiten: Jede gibt es nur ein Mal. Weil die Köpfe hinter den drei Retro/Replik/Renaissance-Modellen ansonsten wenig verbindet, ist ihr Knicks vor dem Althergebrachten sehr unterschiedlich.


Jaguar-Design-Chef Ian Callum hat den Restaurierer CMC (Classic Motor Cars Ltd) beauftragt, einen Jaguar Mark 2 zu zerlegen und mit modernem Touch neu aufzubauen. Was konservierende Konzerne und die Bewahrer von Marken für Frevel halten, deklariert der Jaguar-Direktor als Unikat für den Eigenbedarf. Zugleich ist es ein Schachzug, wie er bei Jaguar derzeit auf allen Ebenen zu beobachten ist: Die Tradition, die »Heritage« muss deutlich und laut strahlen, am besten bis China, Indien und zu anderen Schlüsselmärkten, in denen Premiumhersteller – nur nicht Jaguar – reich werden. Der Schachzug ist clever: Zum einen neue Kunden gewinnen, dabei nicht konservative Puristen vergrämen.

Der David Brown Speed back GT wurde nach seinem Erfinder und Besitzer benannt. Richtig gelesen: David Brown – der rein gar nichts mit D.B. zu tun hat – ist ein Geschäftsmann, der sich mit viel Computertechnologie und klarer Vision ein nagelneues Auto hat bauen lassen, das wie im Windkanal des heutigen Zeitgeists etwas verschärft wurde, vor allem aber mit Zitaten des DB Mark III und DB5 auffällt. Weder Replika noch – wie Callums Mark 2 – ein modernisiertes Original. Sondern ein Neuwagen. Veranlasst hat Brown ein Tag in seinem Ferrari Daytona im Süden Spaniens, bullenheiß und in der Luft ein Hauch von Benzin. Statt sich noch ein Supercar mit Charisma (aber veraltetem Komfort) zu kaufen, ließ Brown eine kleine Serie von dem anfertigen, was er für gut hält. Die Plattform, Software und das meiste der Mechanik kommt vom Jaguar XKR, die Aluminium-Karosserie von Alan Mobberley (früher Jaguar Land Rover). Schalter und Knöpfe wurden mit 3D-Drucker (Nickel-Alu-Legierung, jede Schicht 63 Mikrometer dünn) produziert. »Das ist die Wiederauferstehung des Stellmacherhandwerks«, so Brown. Drei werden derzeit gebaut, drei wurden bereits bestellt zu à 594 000 Pfund.

Vom auch wunderschön benannten Fratelli Frigerio Berlinetta SS soll auf den Prototyp (mit Alfa-Vierzylinder) eine kleine Serie folgen. Die Brüder Leonardo und Vittorio Frigerio haben sich sozusagen ausgemalt, wie der Enkel eines von alleinerziehender Mutter verwöhnten Kinds aussehen müsste, wenn ab und an der Onkel von Ferrari, Lancia, Fiat und Cisitalia zum Eisessen vorbeikäme. Die Form, die Speichen, das Armaturenbrett: optisch eindeutig. Spricht für sich. Zur Motorisierung ist – noch – wenig zu erfahren, die Dunlop-Reifen sind wie vor zwanzig Jahren, das mit Leder beschlagene Interieur von Matteograssi (est. 1880). Was TÜV und ähnliche Behörden von den Außenspiegeln halten, was von Bremslichtern und Stoßfängerbe-reichen, bleibt abzuwarten. Instrumente, auch der Tankdeckel, sind jedenfalls wie aus der Aufbruchzeit nach 1945, en route zu Massenware, oft aber auch mit Straßenautos auf dem Weg zu Rennen – wo man dann mit einem GTO oder D-Type oder Aston nicht auf den Parkplatz abgebogen ist, sondern direkt in die Boxengasse. Yeah, da macht man Augen, der Mund klappt auf – und man sieht, was man liebt; oder nur vermissen will?


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