Rasend rassiger Racer - Octane Magazin

Rasend rassiger Racer

2015-04-27 09:29
(Kommentare: 0)

Die ganze Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 7

Zum Heft Heft bestellen Abo

Text Tony Dron // Fotos Paul Harmer


Es klingt wie ein Scherz, ist aber ein Ferrari - mit nur vier Zylindern! Der ‚Ice Racer‘ 750 Monza ist alles andere als ein Witz. Unseren Testfahrer hat er jedenfalls - gelinde gesagt - überzeugt.

Mitten in seiner zweiten Runde kommt unserem Testfahrer ein Gedanke: Wenn dieser waschechte Racer von 1955 seiner wäre, dann würde sein Herz seinen Verstand besiegen. Der Kopf würde sagen: Den Wagen, der schon immer ein Vermögen gekostet hat und heute um ein Vielfaches wertvoller ist, behandelt man wie eine Investition. Es ist ein Juwel, das man eines Tages zu barer Münze machen könnte. Aber andererseits denkt unser Fahrer in der zweiten Runde: Jedes Mal, wenn sich der Verstand einschaltet, meldet sich das Herz und erinnert, dass dieser Ferrari eines jener besonderen Autos ist, die einen an die Essenz dessen heranführen, was den Rennsport mit historischen Fahrzeugen ausmacht: Fahren in seiner allerschönsten Form.


Der 750 Monza mit der Chassisnummer 0568M, auch bekannt als ‚Ice Racer‘, gehört ganz klar in die Kategorie von Autos, bei denen der Bauch den Verstand besiegt. Einige Runden in Silverstone überzeugen einen schnell davon. Nicht nur mich: Nach meinem ersten Stint spreche ich mit Gary Pearson, der das Auto für den Besitzer hegt und pflegt. Bei historischen Rennen in Hockenheim, Valencia, Spa und Monza ist der Besitzer damit Erster geworden, aber es geht hierbei nicht nur ums Gewinnen. Es ist dieser rein körperliche Kick auf einer Rennstrecke, der diesen Ferrari auszeichnet. Ohne meine Gedanken der zweiten Runde zu erwähnen, frage ich Gary nach seiner Meinung. »Wir haben nicht viel daran verändert, ihn nicht in einen Hotrod verwandelt«, sagt Gary, der den Wagen seit zwölf Jahren oft gefahren ist.

Es ist dieser rein körperliche Kick auf einer Rennstrecke, der diesen Ferrari auszeichnet

»In den meisten Rennen, an denen er jetzt teilgenommen hat, kommt es nicht auf solche Dinge an; jedenfalls nicht bei den Frontmotor-Sportwagen der 1950er Jahre. Diese Autos sind so teuer, dass die Leute sie nicht modifizieren wollen.« Der Wagen hat sehr steife Federn. »Daran haben wir nichts geändert. Wir haben lediglich ein bisschen mit dem Öl in den Dämpfern herumexperimentiert, um die Aufhängung besser in den Griff zu bekommen. Man muss viel mehr Kraft aufwenden als beim Testa Rossa. Der Monza fühlt sich wie ein Rennwagen an, der Testa Rossa eher wie ein aufgemotzter Straßenwagen. Der Monza schlingert wenig, auf seinen steifen Federn hüpft und springt er dafür ziemlich stark herum. Die Bremsen sind ganz okay, für ein Auto aus der Zeit funktionieren die Aluminium-Trommelbremsen wirklich gut.«

Das Rennwagen-Feeling ist nicht von der Hand zu weisen. »Auch auf nasser Strecke ist das Handling überraschend gut. Man könnte denken, dass sein Verhalten wegen der steifen Federn problematisch ist – ist es aber nicht. Er verzeiht einem manches und ist neutral in der Balance. Meiner Meinung nach profitiert der Wagen davon, dass er keinen Zwölfzylinder unter der Haube hat. Ich glaube, dass das der Grund ist, warum er so eine gute Balance hat.« Gary Pearson hält Strecken wie Goodwood, Mugello und Donington – mit schnellen Kurven – für besonders geeignet, da es dort nicht so sehr darauf an-kommt, mit viel PS lange Geraden runterzupreschen, sondern mit leichtem Gewicht spät zu bremsen und mit Dampf zu beschleunigen. Abgesehen von der Fahrfreude wird der Wert des 0568M von zwei Dingen bestimmt: Seltenheit und der extrem gute Originalzustand. Ursprünglich wurde der 0568M für den Rennfahrer Francois Picard gefertigt, der damit die Targa Florio 1955 bestreiten wollte. Damit war dieser 750 Monza einer der letzten von vermutlich 34 produzierten Exemplaren. So wie die früheren Modelle hatte er eine offene zweisitzige Karosserie von Scaglietti, wobei sich diese mit weniger runden Formen von den Vorgängern unterscheidet.

Wie das so ist, wurde das Auto nicht rechtzeitig für die Targa Florio fertig. Das erste Rennen bestritt Picard damit in Marokko im Februar 1956. Beim Grand Prix von Agadir wurde er hinter den Ferrari von Maurice Trintignant und Harry Schell Gesamtdritter. Einige Zeit später verkaufte er an den schwedischen Ferrari-Händler Tore Bjurström. Vor der Übernahme ließ Bjurström das Auto in der Fabrik umfangreich warten.. Dann meldete der Schwede den Wagen – jetzt hellblau lackiert und mit gelbem Streifen – für den Helsinki-Grand-Prix im Mai 1957 an. Erik Lundgren wurde Dritter. Als Bremer 1961 bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, wurde der Wagen an den finnischen Liebhaber Holger Laine verkauft. Der nahm an skandinavischen Sand- und Eisrennen teil, was zu dem Spitznamen ‚Ice Racer‘ führte. Danach wurde der Wagen an einen finnischen Ingenieur veräußert, der ihn für fünfundzwanzig Jahre eingemottet hat. 1988 entdeckten und kauften ihn die Sportwagenliebhaber Jukka und Kari Mäkelä in der finnischen Stadt Valkeakoski. Ferrari-Experten aus aller Welt war sofort klar, dass es sich um den 0568M handelte – den heute vielleicht originalgetreusten 750 Monza überhaupt. Den Mäkeläs war klar, was zu tun ist: nichts. Sie ließen den Wagen nicht restaurieren. Im Jahre 2000 erstand ihn Tony Merrick, ein englischer Liebhaber.

Der jetzige Besitzer erwarb den Wagen 2001 und genießt seitdem diese ganz besondere Freude am Fahren in seiner allerschönsten Form. Dass die Freude auch etwas mit dem Motor des 750 Monza zu tun hat, ist jedem Ferrari-Fan klar. Der scharfe, raue, nicht schallgedämpfte Sound des von Lampredi entworfenen kurzhubigen Vierzylinderreihenmotors geht durch Mark und Bein. Auf der Rennstrecke zeichnet sich das Triebwerk durch sein hohes Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen aus. Sobald man das Tempo erhöht, lassen sich die Gänge leicht und schnell einlegen. In den Augen vieler neigt es jedoch auch dazu, auszubrechen und sich ohne große Vorwarnung zu drehen. Dies hat vielleicht mit der Gewichtsverteilung zu tun, die sich hauptsächlich auf die Extreme konzentriert: Frontmotor vorn und Transaxle-Getriebe und de-Dion-Aufhängung hinten. Fährt man den Wagen den Regeln entsprechend, zeigt es ein vertrauenerweckendes, ausgewogenes und berechenbares Fahrverhalten. Richard Frankel, noch ein 750-Monza-Besitzer, sagt: »Das Auto trifft dich wie eine Axt, aber wenn du den Dreh erst einmal raus hast, dann ist es einfach fantastisch.« Eine absolut zutreffende Beschreibung. Der Ferrari 750 Monza ist mehr als ein Auto zum Fahren. Ein roher, rauer Rennwagen par excellence – ein richtiger Racer.


 

FERRARI 750 MONZA SPECIALE

BAUJAHR 1955 MOTOR 2992 ccm Vierzylinder, DOHC, zwei Weber 40 Weber 58 DCOA/3 MOTORLEISTUNG 260 PS bei 6000 U/min KRAFTÜBERTRAGUNG 5-Gang-Getriebe, Sperrdierenzial, Hinterradantrieb FAHRWERK vorne ungleich lange Doppelquerlenker, Schraubenfedern, Kurvenstabilisator; hinten querliegende Längsfedern auf Starrachse, Längslenker; vorne und hinten hydraulische Kolben-Stoßdämpfer von Houdaille LENKUNG  Schnecke und Sektor BREMSEN Aluminium-Trommelbremsen LEERGEWICHT heute 822 kg; 1955 ca. 760 kg HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT mit entsprechender Achsuntersetzung 260 km/h bei Le Mans Classic


Die ganze Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 7

Zum Heft Heft bestellen Abo

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Folgen Sie uns auf: