Raffinesse und Eleganz - Octane Magazin

Raffinesse und Eleganz

2015-07-21 10:50
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Text Robert Coucher // Fotos Paul Harmer


So entstehen Klassiker: Man nehme einen ingeniösen GT und beauftrage mit dem Einkleiden einen Karosseriebauspezialisten. Ist das nicht geradezu betörend einfach?

Es gab einmal eine Zeit, da war Lancia der edelste unter allen Automobilherstellern. Design, Technik und Konstruktion, alles war vom Feinsten – und da mit war die Marke ideal für die Reichen und Schönen, die zu vornehm waren, um anzugeben. Die Eleganz war unschlagbar. Der Flaminia setzte mit Karosseriedesigns von Pininfarina, Touring und Zagato diese Traditionen fort.


...Und jetzt kommt der Haken. Lancia war ein Qualitätshersteller, der wenige Autos baute, aber eine große Vielfalt an Karosserieformen anbot. Die immensen Kosten, die insbesondere bei der Fertigung dadurch anfielen, waren nicht zu tragen. Lancia brauchte ein ordentliches Kostencontrolling, der Rotstift wurde zu spät angesetzt – und deshalb wurde die Edelmanufaktur 1969 von Fiat geschluckt, wo man auf die Fließbandproduktion preiswerter Alltagsautos spezialisiert war. Im Interesse einer Leistungssteigerung wurde der Flaminia GT 1960 durch den Flaminia Sport abgelöst. Der hatte denselben kurzen Achsstand wie der GT, aber die von Zagato entworfene Karosserie war runder und erinnerte mehr an den Aurelia. Zagato wollte so die Aerodynamik verbessern und gleichzeitig das Gewicht reduzieren, was teilweise gelang.

Der erste Zagato Sport, entworfen von Ercole Spada, kam 1958 auf den Markt. Seine Scheinwerfer hatten stromlinienförmige Verkleidungen, und der 2,5-Liter-Motor war mit 119 PS gut für 180 km/h. Der Supersport von Zagato – einer von unter 200 – ist zweifellos der attraktivste Flaminia. In Gunmetal Metallic und mit rotem Interieur sieht er makellos aus, wirklich wahnsinnig anziehend – und dabei nicht so aggressiv wie Spadas wohl größter Wurf, der Aston Martin DB4GT Zagato. Zum Glück hält der Supersport der Lanciaeigenen Eleganz die Treue. Das Auto mit der Chassisnummer 826 232 00 2111 befand sich einige Jahre im Besitz des Lancia-Connaisseurs Anthony McLean, der in die fachmännische Restauration viel Zeit investierte. Mit einer langen Übersetzung –der Wagen fährt 160 km/h im dritten Gang –, die auf die Bremsen gut abgestimmt ist, und mit dem bestens ausbalancierten Chassis ist der Zagato sehr schnell, aber man muss ihn hochtourig fahren, um alles aus ihm herauszuholen. Die Fahrertür fühlt sich beim Öffnen sehr leicht an.

Dann fällt der Blick auf einen hohen Türschweller und einen extrem niedrigen Schalensitz. Das Holzlenkrad sieht groß aus und hat eine sehr aufrechte Position. Den 2,8-Liter-Motor startet man, indem man den Schlüssel erst dreht, dann drückt.Das Kupplungspedal ist weich wie Butter, und die stramme Knüppelschaltungfindet den ersten Gang ohne Krachen. Während ich mir nicht sicher bin, ob ich über oder durch das Lenkrad rausschauen soll, bewegt sich der Zagato unter dem angenehmen Gurgeln, das der V6 aus den beiden Auspuffrohren ausstößt. Zu der butterweichen Kupplung und der exakten Schaltung gesellen sich eine leichte Lenkung und hochsensible Bremsen. Der Wagen liegt angenehm auf der Straße, hängt nicht durch, und bewegt sich durch den Verkehr, als wäre er um einiges jünger als die 45 Jahre, die er auf dem Buckel hat.

Je höher der Motor dreht, desto besser klingt er. Auch beim Wechsel in den obersten Gang ist die Schaltung präzise, was angesichts der Tatsache, dass das Getriebe auf der Hinterachse sitzt, ein kleines Wunder ist. Wirklich: erstklassige Qualität und Ingenieurskunst. Ab auf die Autobahn! Der Drehzahlmesser von Veglia ist groß und ohne rote Linien; 5500 U/min dürften am Limit liegen. Im zweiten Gang zieht er gut weg, und während die Nadel klettert, verschärft sich der Sound des kurzhubigen V6 und aus dem Klopfen bei niedriger Drehzahl wird ein weiches Heulen, das Enzo Ferrari Freude gemacht hätte. Jetzt durch den dritten in den vierten Gang, und der Lancia stürmt entschlossen vorwärts. Er ist nicht leise, doch seine Stimmlage bleibt vornehm. Die Stärke des Wagens ist ganz eindeutig das Cruisen bei hoher Geschwindigkeit.

Auf wundersame Weise verschmelzen Auto und Fahrer, was von einer Raffinesse unterstrichen wird, die nur Lancia imstande war zu erreichen

Das Handling ist exzellent, ohne den geringsten Anflug eines Schwimmens. In den Kurven bleibt die Lenkungflüssig und leicht. Die Scheibenbremsen – hinten innenseitig montiert – sind mit die besten, die man an einem historischen Fahrzeugfinden kann. Der Lancia Flaminia Supersport Zagato ist kein Angeberauto für geltungsbedürftige Typen und auch keine Adrenalinschleuder für jugendliche Racer. Er ist für den Gentleman, der erlesene Handarbeit zu schätzen vermag. Natürlich sind moderne Autos leiser, doch dieser Lancia vermittelt einem das Gefühl, dass alle geölten Komponenten perfekt ineinander greifen und miteinander harmonieren. Was für eine denkwürdige Tour – grand tour – in einem großartigen Auto.


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