Racer ohne Starallüren - Octane Magazin

Racer ohne Starallüren

2015-04-24 10:36
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Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 8

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Text Tony Dron


Eins der schönsten Autos aller Zeiten. Ein Rennstall bestellte zwei Sonderanfertigungen. Einer war der erfolgreichere. Dieser hier.

Vermutlich ist es der großartigste Straßenwagen, den Aston Martin je gebaut hat. Merkwürdigerweise fiel der DB4GT Zagato 1960 auf der Londoner Motorshow niemandem auf. Die englischen Kollegen von Motor Magazine berichteten über den DB4GT Zagat: »Der Kühlergrill führt der Karosserie frische und dem Kühler kalte Luft zu.« Der Zeitschrift Autocar genügte eine Bildunterschrift: »Bald auf dem Inland-Markt zu haben.« Das Augenmerk galt den Unterschieden zwischen dem Standard-DB4, dem GT und dem Zagato.


Der Radstand der GT-Modelle sei von 2,95 auf 2,36 Meter verkürzt worden, es gäbe keine Servobremse, die GT-Motoren hätten mehr Power. Der Zagato war leichter als der Standard-GT, sein Motor hatte eine höhere Kompression – was die Leistung um 12 PS auf 314 PS steigerte. Heckscheibe und Seitenscheiben des Zagato waren aus Plexiglas, insgesamt war er 152 Kilogramm leichter als der Standard-DB4. Die gemessenen Leistungswerte – von 0 auf 100 in 6,1 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 245 km/h – empfand man als »erstaunlich« für ein Serienauto. Der Autor kam nicht umhin einzuräumen, der Zagato habe nur wenige Konkurrenten. Tatsächlich war es wohl so, dass der DB4GT Zagato von Aston Martin so rar und exklusiv war, dass er ziemlich lange praktisch auf keinem Radar auftauchte. Er kostete deutlich über 60.000 Mark, verkauft wurden gerade mal 19 Exemplare (sechs Werks-Repliken kamen Jahre später als »Sanction«).

Okay, ein Ferrari 250GT war dagegen noch teurer, doch ein E-Type kostete weniger als halb so viel, der DB4 ‚nur‘ 40.000 und selbst ein DB4GT war mit etwas über 50.000 Mark vergleichsweise günstig. Obwohl sich Aston Martin Monate vor Erscheinen des Zagato vom Rennsport offiziell zurückgezogen hatte, haben zwei Modelle Geschichte geschrieben. Zugelassen mit den Kennzeichen 1 VEV und 2 VEV und betreut von John Ogiers Rennstall Essex Racing. Beide wurden speziell für den Rennsport gebaut und Ogier setzte sie in Zusammenarbeit mit dem Werk ein. Ogiers Team war exzellent, doch seine Zagato mussten es 1961 mit den leichteren Ferrari 250GT SWB aufnehmen. Als im folgenden Jahr der Über-Ferrari 250GTO herauskam, wurde es für die Zagatos noch schwieriger. Der 1 VEV wurde nie von seinem Teamkollegen 2 VEV besiegt.

Die seither von Richard Williams akribisch vorbereitete Maschine des 1 VEV hat inzwischen die 1960 vom Werk versprochene Power – und mehr. Das höchste Drehmoment liegt nun bei 471 Nm und mir wurde versichert, dass der 1 VEV heute mit der richtigen, langen Übersetzung für 282 km/h gut ist. Egal, wie man’s dreht und wendet: Das hier ist ein sehr schnelles Auto. Zugleich lässt es sich erstaunlich zivilisiert bewegen, wenn man auf öffentlichen Straßen herumcruisen möchte. Ich habe den Aston vor einigen Jahren auf der Rennstrecke von Castle Combo getestet und abgesehen von der Lenkung, die bei niedriger Geschwindigkeit etwas zu schwergängig ist, ließ er sich genauso leicht durchs Fahrerlager fahren wie ein VW Käfer. Alles geht viel leichter von der Hand, als man es von einem High-Performance-Racer erwarten würde. Auf der Strecke allerdings verwandelt er sich in ein anderes Biest. Wir dürften manchen Aston-Besitzer überrascht haben, als wir einfach an ihm vorbei rasten und ihn Meilen hinter uns ließen. Die Leistung war schlichtweg atemberaubend.

 

Alles geht viel leichter von der Hand, als man es von einem High-Performance-Racer erwarten würde. Auf der Strecke allerdings verwandelt er sich in ein anderes Biest


 

Bei der Restaurierung vor ein paar Jahren widerstand man der Versuchung, ihn in einen konkurrenzfähigen klassischen Rennwagen zu verwandeln. Das war sicher eine kluge Entscheidung. Aus diesem Grund war es für mich eine mehr als angenehme Überraschung, als ich eingeladen wurde, den 1 VEV bei einigen der letzten Goodwood Revivals – im Rahmen des RAC TT Celebration Race – fahren zu dürfen. Es ging darum, einfach hinzugehen, loszufahren und mit dem Auto Spaß haben; und nicht darum vorzuführen, wie konkur-renzfähig er immer noch ist. Die voll rennoptimierten Autos, die um den Sieg fuhren, jagten an uns vorbei, doch wir hatten jede Menge Spaß beim Rangeln mit ein paar Stingray und 250GTO. Das Handling und die Bremsen sind superb und der 1 VEV hält locker eine Stunde Rennsport aus ohne nachzulassen. Kann man sich für Fahrspaß auf der Straße und auf der Rennstrecke etwas Besseres vorstellen?


 

ASTON MARTIN DB4GT ZAGATO

BAUJAHR 1961 MOTOR 3670 ccm Reihensechszylinder, DOHC, Doppelzündung, drei Horizontal-Doppelkörpervergaser Weber 45DCOE4 MOTORLEISTUNG 314 PS bei 6000 U/min DREHMOMENT 376 Nm bei 5400 U/min KRAFTÜBERTRAGUNG Viergang-Getriebe, Hinterradantrieb, Powerlok Sperrdifferential FAHRWERK Vorne Doppelquerlenker, Schraubenfedern, Armstrong-Teleskopstoßdämpfer, Kurvenstabilisator. Hinten Starrachse, Längslenker, Watts-Gestänge, Schraubenfedern, Armstrong-Kolbenstoßdämpfer BREMSEN Girling Scheiben, separate Hauptbremszylinder LEERGEWICHT 1229 kg HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT ca. 290 km/h; 0–100 km/h in 6,1 Sekunden


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