Mut zur Lücke - Octane Magazin

Mut zur Lücke

2015-06-09 14:41
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Text Mark Dixon // Fotos Paul Harmer


Zwei Range Rover sollten die komplette Panamericana von Alaska bis nach Tierra del Fuego in Argentinien fahren – so lautete im Jahre 1972 die Mission. Auf halbem Weg nach Feuerland wäre das Zwillingspaar beinahe versumpft

Tödliche Reptilien waren eine von vielen Bedrohungen für diese ungewöhnliche Transamerika-Expedition. Der erste Teil auf der Panamericana verlief einigermaßen zivilisiert, aber spätestens im Urwald waren Straßen nicht mal mehr ansatzweise vorhanden. 1972 gab es neben dem allzu rustikalen Land Rover nur ein Fahrzeug, das für so einen Trip in Frage kam: der gerade vorgestellte Luxus-Bruder Range Rover – der Vorläufer aller Edel-SUV.


Der Panamerican Highway erstreckt sich von Alaska bis Feuerland. Die Idee einer einzigen kontinentübergreifenden Schnellstraße entstand 1923. Noch heute hat der Verbund aus Schnellstraßen Lücken und Tücken. An die 20.000 Kilometer sind asphaltiert, fast die ganze Distanz der Panamericana ist befahrbar, nur ein Teilstück ist nicht fertig. Das zwischen dem Panamakanal und Nordwest-Kolumbien. Die berüchtigt-berühmte Lücke auf der Route heißt Tapón del Darién. Neunzig Kilometer ohne Straße, ohne Hinweisschilder, keine Notrufsäule. 1972 auch ohne Netz. Versuche, den »Darién Gap«, diese Lücke mit motorisierten Fahrzeugen zu passieren, hatte es schon zuvor gegeben. Am bekanntesten war der Vorstoß von Chevrolet 1962 mit mehreren Corvair und einem Bulldozer. Der Versuch schlug fehl – wie alle anderen.

Zehn Jahre später also ein neuer Anlauf, diesmal Briten mit zwei Range Rover; jeweils 3,5-Liter-V8 und für alles gerüstet, begleitet von sechs Offizieren der Britischen Army. Beide Autos waren Linkslenker, bestimmt für den Export in die Schweiz. Technisch entsprachen sie dem Standardmodell. Für mehr Stauraum wurde nur der Innenraum verändert. Allradfahrzeuge waren bis dato praktisch ausnahmslos mit Blattfedern ausgerüstet. Der Range Rover stand dagegen auf relativ weichen Schrauben-federn mit langem Federweg – was sich auf Komfort und Fahrverhalten auswirken sollte, aber vor allem eine bessere maximale Achsverschränkung. Bevor es ernst wurde, fuhr unter der Leitung von Major Blashford-Snell, erfahren mit Expeditionen, ein Team von etwa hundert Leuten die Strecke ab und schlug einen Pfad für die Range Rover in den Dschungel.


Blashford-Snell verfasste nach seiner Rückkehr eine detaillierte PR-Broschüre. Sie schildert Haarsträubendes, aber auch sachliche Bestandaufnahmen, wie etwa: »Unsere schweißdurchtränkten Kleidungsstücke verrotten am Körper. Die Lederausrüstung ist verschimmelt und selbst die besten Stiefel sind auseinandergefallen. Die Moskitos, Schnaken und Fliegen wurden zur allgegenwärtigen Plage. Schwärme aggressiver Hornissen nisten in hohlen Bäumen und fliegen aus, um sich sofort auf jeden Eindringling zu stürzen.« Ein anderes Problem waren untaugliche Reifen. Die nicht für Geländefahrten ausgebildeten Soldaten ließen, wenn sie stecken geblieben waren, die Räder so lange durchdrehen, bis das hintere Differenzial so heiß wurde, dass die Distanzscheiben im Inneren zu schmelzen begannen, was zu erhöhtem Getriebespiel und folglich zum Bruch der Zähne führte.

Dreißig Leute mussten aufgrund von Krankheit oder Verletzung nach Hause geflogen werden, fünf kolumbianische Soldaten ertranken, als ihr Boot kenterte – doch das Team gab nicht auf. »Sich den Weg durch die Grasmatten zu bahnen, war ein ernsthaftes Problem«, schrieb Blashford-Snell 1972. »Wir versuchten es mit Macheten, zogen uns mit Enterhaken vorwärts und schließlich haben wir noch zu Dynamit gegriffen. « Am Ende hatten sie es geschafft. Die Autos wurden nach England verschifft, in der Fabrik vollständig auseinandergebaut. Das Chassis wurde zerschnitten, um es auf Ermüdungsbrüche und Risse zu untersuchen.Obwohl äußerlich ziemlich ramponiert, befanden sich beide Autos technisch und strukturell in einem guten Zustand. Die erfolgreiche Passage durch die letzte Lücke der Panamericana hatte sich der neue Range Rover in der Wildnis als Allrounder bewährt. »Ich bin nicht allzu traurig«, so Blashford-Snell heute, »dass die Straße nicht fertiggestellt wurde, obwohl sie der Bevölkerung sicherlich wirtschaftliche Vorteile gebracht hätte. Mit unserer Expedition wollten wir eigentlich auch auf die Notwendigkeit der Erhaltung des Regenwaldes aufmerksam machen.«


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