Mit dem D-Type auf der Autobahn - Octane Magazin

Mit dem D-Type auf der Autobahn

2015-08-10 10:03
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Der D-Type wurde letztes Jahr 60 Jahre alt. Zum Geburtstag begab sich OCTANE mit dem Original-Prototypen zu dem Mann, der das Auto einst mitentwickelt hat – zu Norman Dewis

Wer sich unter Coventry ein romantisches englisches Städtchen vorstellt, der irrt gewaltig. Keine königlichen Parkanlagen oder mittelalterliche Kolonnaden, und durchs Zentrum windet sich auch kein majestätischer Fluss. Stattdessen überall Grau, wo man auch hinschaut: überall in Zement gegossene Spuren des Zweiten Weltkriegs. Doch wenn man Autos mag, ist Coventry durchaus beeindruckend. Einst beherbergte die Stadt mehr als hundert Autobauer. Um die Geschichte stilgerecht zu erfassen, sollte man sie mit einem Jaguar erfahren, dem wohl bekanntesten Produkt aus Coventry. Wenn es dann noch ein D-Type ist, dann ist der emotionale Overload enorm.


Die Ringstraße mag noch so hässlich sein, ihre grauen Betonmauern bilden die perfekte Widerhallfläche für einen Le Mans-Rennmotor aus den 1950er-Jahren.Der D-Type war der typische Low-Budget-Welt-meister und das Auto, das den beiden Le Mans-Sie-gen des C-Type noch ein paar weitere hinzugefügt hat. Das Fahrzeug auf unseren Fotos ist der Werksprototyp mit der Chassisnummer XKC 401. Das C deutet darauf hin, dass sich zum Zeitpunkt seiner Entwicklung noch niemand über einen neuen Namen Gedanken gemacht hatte.

Der Wert dieses Autos beträgt heute – vorsichtig geschätzt – neun bis vierzehn Millionen Euro. Und damit fahren wir durch den Berufsverkehr und über Englands meistbefahrene Autobahn!

Der Grund für unseren Trip durch die Midlands ist, dass der Mann, der einst geholfen hat, diesen Wagen zu entwickeln, und der Mitte der 50er-Jahre viele Tausend Meilen damit gefahren ist, heute noch genauso gesund und munter ist wie das Auto. Der Mann heißt Norman Dewis und war in den goldenen Zeiten der C-, D- und E-Typen oberster Entwicklungsingenieur bei Jaguar. Er ist 94, sieht aber zwanzig Jahre jünger aus, von seinem Verhalten ganz zu schweigen.

Er flirtet unentwegt, aber das macht er so charmant, dass er stets ungestraft davonkommt. Wen stört da der eine oder andere Fleck auf seinem Sakko? Seit seiner Pensionierung 1985 lebt Dewis in Shropshire. Er ist allerdings eher auf Veranstaltun-gen anzutreffen als zu Hause, denn in der Jaguar-Szene ist er immer noch ein sehr gefragter Mann. Unsere Fahrt von Coventry zu ihm verspricht eine aufregende Mischung aus Stadtstrecke, Schnellstraße, Autobahn und kurvenreichen Landstraßen. Und all das in einem echten Le-Mans-Renner. Wir starten beim Jaguar-Entwicklungszentrum in Whitley im Süden von Coventry. Der D-Type – immer noch mit dem Original-Kennzeichen OVC 501 – zieht zahlreiche Schreibtischtäter in nicht immer ganz perfekt sitzenden Anzügen geradezu magnetisch an. Der Sexappeal des D-Type ist wie am ersten Tag. Jetzt muss ich als Fahrer den D-Type also nur noch ohne Abwürgen von der uns umgebenden Menschenmenge weg bewegen und mich in den Verkehr des 21. Jahr-hunderts begeben. Der D-Type entpuppt sich als ein Auto, das von Anfang an mitspielt.

Das maßvolle Gasgeben, das Dave angemahnt hat, um kein Motorstottern zu erzeugen, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die gelegentlich hohen Drehzahlen bringen den Reihensechszylinder wenigstens ordentlich zum Singen. Ohne die Heckflosse vieler D-Types (sie wurden 1954 für das Rennen in Le Mans angenietet) ist bei diesem Auto die Sicht nach hinten erstaunlich gut. it jedem Lenkradeinschlag wächst das Vertrauen in den Wagen. Und die Bremsen sind perfekt: Ein kurzer Pedalweg sorgt für ein sofortiges, progressives Greifen.

Die Rennerfolge des C- und D-Type fanden innerhalb von wenigen Jahren statt, doch zwischen dem Styling der beiden Typen, auch den Fähigkeiten liegen Welten

Die Erfolge des D-Type waren durchwachsen – nicht schlecht aber auch nicht außergewöhnlich. Das Design musste nicht nur für Le Mans 1955 weiterentwickelt wer-den. Die größte Veränderung betraf den Hilfsrahmen vorn, der nun nicht mehr an die Spritzwand angeschweißt war, sondern – zur Erleichterung laufender Reparaturen – angeschraubt. Außerdem wurden die Rohre jetzt aus Nickelstahl statt aus einer Mag-nesiumlegierung hergestellt. Im Interesse einer besseren Aerodynamik und eines höheren Topspeeds wurde die Nase um 19 Zentimeter verlängert. Die Motorleistung wurde um 30 auf 270 PS angehoben. Doch die 1955er Ausgabe von Le Mans wurde von dem schweren Unfall von Pierre Levegh überschattet, bei dem der Mercedes-Fahrer selbst und zahlreiche Zuschauer ums Leben kamen.

Mit einem D-Type über die Autobahn zu knattern, bei moderaten 3400 U/min, ist surreal! Man spürt, dass der Wagen aus einer anderen Ära ist, trotzdem fühlen sich Fahrer und Auto pudelwohl. Den Innenraum wärmt der Motor gut auf – bei jeder Bewegung des Gaspedals wirbelt einem ein warmer Luftstrom um die Beine. Der Auspuffton wird schärfer und intensiver, ganz, als würde der D-Type aus einem Dämmerschlaf erwachen. Als frühes Modell hat unser D-Type lediglich 245 PS, trotzdem ist er – aufgrund des geringen Gewichts – verdammt schnell. Er ist nicht nur schnell für sein Alter, sondern richtig schnell. Obwohl der D-Type für große, schnelle Rennstrecken gebaut wurde, bietet er ausgezeichneten Fahrkomfort

Alle dynamischen Komponenten – Lenkung, Aufhängung, Bremsen – greifen so gut ineinander, dass man das Gefühl hat, mit dem Wagen in einer Art improvisierten Choreografie zu tanzen. Er reagiert auf alle Bewegungen wie ein Partner, der instinktiv weiß, wo es langgeht.

JAGUAR D-TYPE

Baujahr 1954   Motor 3442 ccm Reihensechszylinder, drei Weber 45 DCO 3 Vergaser   Motorleistung 245 PS bei 5750 U/min   Drehmoment 328 Nm bei 4000 U/min Kraftübertragung Viergang-Schaltgetriebe, Hinterradantrieb Lenkung Zahnstange   Fahrwerk vorne: Trapez-Dreieckquerlenker, Längstorsionsstabfedern, Teleskopdämpfer; hinten: Starrachse, Längslenker, Quertorsionsstäbe, Teleskopdämpfer   Bremsen Dunlop-Scheiben Leergewicht ca. 870 kg Höchstgeschwindigkeit ca. 225 km/h (275 km/h Achsuntersetzung für Le Mans 2,93:1) 0 – 100 km/h in 4,7 Sekun den (Achsunters. 3,54:1)


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