Mit dem Biss der Spinne - Octane Magazin

Mit dem Biss der Spinne

2015-04-23 11:16
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Die ganze Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 13

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Text Massimo Delbò// Fotos Dirk De Jager


 

Dreißig Jahre im Dornröschenschlaf, dann zehn Jahre in der Restaurierung. Letztes Jahr ist der äußerst seltene Lancia Aurelia Spider in Stromlinienform ins Leben zurückgekehrt.

1945 begann das Zeitalter der automobilen Aerodynamik. Das Zauberwort lautete: Stromlinienform. In Turin hatte sich Battista ‚Pinin‘ Farina dank seiner Vorkriegskreationen bereits einen Namen als Karosseriebauer gemacht. Nicht weit entfernt der Designschmiede war Lancia nach Jahren der drögen Produktion von Militärlastwagen und Panzern zurückgekehrt zur Herstellung von Automobilen der Oberklasse. Im April 1950 präsentierte das Unternehmen auf dem Turiner Autosalon erstmals seinen neuen Aurelia.


Der Firmentradition folgend wurde das Auto – eine Limousine mit der internen Bezeichnung B10 – von einer reinen Fahrgestellversion begleitet, für die externe Karosseriebauer die äußere Haut entwarfen und bauten. Diese Chassisversion hieß B50 – bzw. B51, wenn die darauf zu installierende Karosserie groß und schwer war. Die wichtigsten Kunden von Lancia waren Pinin Farina (hier entstand die Cabrioversion), Stabilimenti Farina (Coupé) und Carrozzeria Viotti (Kombi). Der 56-PS-Motor, ein 1,8-Liter-V6-Triebwerk mit einem Winkel von 60 Grad, war zwar modern, aber alles andere als leistungsstark. Deshalb wurde ab 1952, nach 584 produzierten Chassis, ein neuer Zwei-Liter-Motor mit 70 PS angeboten, dessen Leistung mittels eines Doppelvergasers auf 90 PS gesteigert werden konnte. Die so ausgestatteten Fahrgestelle erhielten den Namen B52 bzw. B53 für die schwereren Aufbauten. Von ihnen wurden 98 bzw. 86 Stück gebaut. Eines dieser Modelle ist der hier abgebildete PF200 Spider.

Das Lancia-Archiv verzeichnet die Lenkgehäusenummer (7549), die Nummer der Vorderradaufhängung (7269), die Differenzialnummer (7067) und die Nummer des ‚Chassis‘ (526). Die ‚Chassis‘-Nummer bedarf weiterer Erklärung: Bei von Lancia selbst gebauten oder von externen Karosseriebauern unter der Leitung von Lancia gefertigten Autos bezeichnete diese Nummer die Rohkarosse bzw. im Falle der Modelle B50 bis B56 die reine Plattform. Die Karosserienummer von Pinin Farina, die für gewöhnlich mit Kreide auf die einzelnen Bleche geschrieben wurde, ist nicht mehr verifizierbar, denn im Laufe der Jahrzehnte gingen im Lancia-Lager Aufzeichnungen über die Fahrgestellspezifika und die Liste der Chassisnummern, die an Pinin Farina geliefert wurden, verloren. PF200 mit der Nummer B52/1052 ist eines der letzten produzierten Exemplare einer kleinen Serie handgefertigter Autos, die sich in winzigen Details unterschieden. Man geht von sieben gebauten Stück über einen Zeitraum von zwei Jahren aus: drei Cabriolets und vier Coupés.

Einer der größten Unterschiede zwischen den frühen Modellen und späteren ist der Kühlergrill, dessen runde Form in eine ovale Variation verändert wurde. Bei Autos einer so kleinen Produktionsserie, die fast alle nach Kundenwünschen gefertigt wurden, ist es kein Wunder, dass sich jedes Auto in Details von anderen unterscheidet. Unser Modell verfügt über einige Besonderheiten – wie die verchromten Lufteinlässe hinter den Türen, kleine Stoßfänger unter den Scheinwerfern und den »pf200 C«-Schriftzug auf der Nase. Außerdem hat es eine in der Neigung verstellbare Windschutzscheibe und verzichtet auf Kurbelfenster. Im Herbst 1953 bekam es seinen ersten privaten Besitzer.

Eine Zeitlang wurde der Wagen gefahren, dann verschwand er für dreißig Jahre von der Bildfläche

Zum Concorso d’Eleganza di Stresa im September 1953 erschien der Wagen mit dem Mailänder Kennzeichen 215522 und gewann den Ehrenpreis »Gran Premio d’Onore«. Eine Plakette auf dem Armaturenbrett zeugt bis heute von diesem Erfolg. Doch von da an verliert sich die Spur des Wagens, bis sie in den 1960ern in Kalifornien wieder zutage tritt. Eine Zeitlang wurde der Wagen gefahren, dann verschwand er für dreißig Jahre von der Bildfläche. 2003 wurde der Spezialist Tom Palisi beauftragt, das Auto zu restaurieren. Er nahm das ganze Auto auseinander und tauchte die komplette Karosserie in ein Säurebad, bevor er sie in kräftigem Dunkelrot neu lackierte.

Unterdessen wurden beide Achsen, die Bremsen, die Aufhängung und andere Teile zur Aufarbeitung an Luciano Sanzogni in Sarasota in Florida geschickt. Das Auto war zwar vollständig, aber fast alles musste überholt werden – und der Originalmotor war unbrauchbar. Auf der Suche nach einem originalen Aurelia-Motor wurde die komplette nordamerikanische Lancia-Gemeinde konsultiert. Schließlich fand man das Originaltriebwerk eines anderen PF (des 200 Coupé, dessen erster Besitzer der Lancia-Importeur Kjell Qvale aus San Francisco gewesen war), das dann komplett überholt wurde. Als echte Herausforderung erwiesen sich die Vergaser, denn sie waren wegen des versetzten Luftfilters, den es so nur im PF gab, kürzer als die serienmäßigen Exemplare. Mit den Originalvergasern hätte sich die Motorhaube nicht schließen lassen. Komplett neu angefertigt wurden zu dem Zeitpunkt außerdem die Innenraumverkleidung und die Sitze. Die Restaurierung zog sich insgesamt über eine Dekade hin. Das fertige Auto wurde erstmals 2013 beim Concours d’Elegance of America in St. John’s präsentiert, wo es sofort den Klassensieg holte und den Preis The Art that Moves Us gewann. Ein Jahr später folgte der Klassensieg beim Amelia Island Concours d’Elegance. Letzten Sommer wurde es für 1,1 Millionen Dollar verkauft.


 

LANCIA AURELIA PF200 SPIDER

BAUJAHR 1953  MOTOR 1991 ccm V6, obenliegende Nockenwelle (OHC) pro Zylinderbank, zwei Doppel-Fallstromvergaser Weber 32 DR 7 SP  MOTORLEISTUNG 90 PS bei 5000 U/min  KRAFTÜBERTRAGUNG 4-Gang-Schaltgetriebe, Hinterradantrieb LENKUNG mit Schnecke und Rad  FAHRWERK Vertikalführung mit Teleskoprohren, Schraubenfedern in ölgefülltem Gehäuse mit eingebauten Stoßdämpfern, hinten mit schrägen Dreieckquerlenkern und Kolbenstoßdämpfern  BREMSEN Trommeln LEERGEWICHT 1480 kg (ohne Aufbau)  HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT etwa 160 km/h

 


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