Mächtiger Mercedes-Benz 600 - Octane Magazin

Mächtiger Mercedes-Benz 600

2015-09-03 14:14
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Die ganze Kaufberatung finden Sie in OCTANE Ausgabe 16

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Text Matthias Breusch// Fotos Archiv


Auch nach fünfzig Jahren sehr mächtig: Der Mercedes-Benz 600. Sie spielen mit dem Gedanken, sich solch ein begehrtes Gefährt anzuschaffen? Voilá, es folgt eine 928-Kaufberatung. 

Ein hinter dem Kühlergrill verborgenes Detail ist sein größter Luxus. Das dort befindliche Teil ist »Luxus« im Sinne von vollkommen unnötig. Es ist die Hupe, eine der lautesten aller Zeiten. Egal, wo er auftaucht, überall hätte ihm jeder Platz gemacht, dem Mercedes 600 dem neuen und nachhaltigeren »Großen Mercedes«. In seiner Klasse kann ihm bis heute kaum ein Konkurrent das Wasser reichen. Die Klasse: Staatskarossen. Besitzer und Insassen in dieser Fahrzeugkategorie: Firmenlenker, Könige, Rockstars. Die »luxuriöseste Limousine der Welt« wurde 1963 auf der Frankfurter IAA enthüllt und avancierte mit einem Basispreis von 56.500 D-Mark zu einem der teuersten Autos made in Germany jener Ära.


Für Daimler war der Nachfolger des grandiosen Vorkriegs-Flaggschiffs 540K ein reines Prestigeobjekt, das nicht nur in unseren Breiten als Fortbewegungsmittel für Gäste der Bundesregierung zum Inbegriff der Staatskarosse wurde. Der Nachfolger des »Adenauer« – und Vorgänger des 2002 vorgestellten Maybach – er-freute sich weltweit höchster Beliebtheit. Seine von 1955 bis 1963 aufgelaufenen Entwicklungskosten – das Budget der Ingenieure war nach oben hin offen – hätte er hereingeholt, sofern jährlich 3000 Exemplare verkauft worden wären. Insgesamt wurden, in fast zwanzig Jahren Produktion, 2.677 verkauft. 423 der produzierten W100 waren Pullman-Varianten mit langem Radstand, die wahlweise als Vier- oder Sechstürer erhältlich waren. Sie waren ab 1964 für 63.500 DM erhältlich. Hinzu kam das 1965 vorgestellte Landaulet mit Cabrioverdeck im Heck, von dem 59 Stück entstanden sind, darunter 26 Sechstürer. Außerdem existieren zwei maßgeschneiderte Coupés. Eins davon ging an Projektleiter Dr. Fritz Nallinger, das andere wurde als Testwagen eingesetzt. Beide befinden sich aktuell im Besitz amerikanischer Sammler.

Die meisten Mercedes-Benz 600 sind im Fahrwasser des Wirtschaftswunders zwischen 1964 und 1972 entstanden; danach lief die Reihe bis 1981 in moderaten Stückzahlen aus. Sie wurden durchweg auf Wunsch individuell gefertigt: je nachdem ob für Papst, Popstar oder Pharao mit eingebautem Kühlschrank, Heimkino oder Dienstbotensitzbank; optional mit kugelsicherer Verglasung oder gleich die gepanzerte Version. Angetrieben wurde der W100 von Daimlers erstem V8-Motor, einem Wunderwerk der Technik mit natriumbeschichteten Ventilen, gehärteten Ventilschäften, Zylinderköpfen aus einer speziellen Leichtmetall-legierung, 6,3 Litern Hubraum und 250 PS. Wem das hydraulische Wunderwerk noch nicht genügen sollte, der darf sich über eine Servo-Bremsanlage freuen, die mit dem Luftdruck aus der Federung arbeitet – oder über eine Wasserpumpe, die mittels eines Umdrehungskonverters über den Ölkreislauf des Motors betrieben wird.

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Problemzonen: Gemessen an der exquisiten Qualität des verwendeten Stahls ist Rost nicht das Hauptproblem bei der Begutachtung eines 600ers. Dennoch sollte man die vorderen Bodenbleche ebenso überprüfen wie die elektrisch versenkbare Trennscheibe, die Kanten der Einstiege oder die Innenseite der Kotflügel. Die Benzineinspritzung ist problemlos, das Getriebe unverwüstlich. Anders sieht es schon mit der Wasserpumpe aus, deren Austausch etwa 4000 Euro erfordert. Die größten Probleme verursacht das Hydrauliksystem. Die ausschließlich für den M 100 gebaute Pumpe nutzt sich mit der Zeit ab und entwickelt hörbare Nebengeräusche. Ein Akkumulator hält das Druckniveau aufrecht; daher sollte sich ein Fenster selbst bei abgestelltem Motor etwa 30-mal öffnen und wieder schließen lassen. Dennoch können praktisch in sämtlichen Leitungen Lecks auftreten. Die originale Innenausstattung war zumeist in Velours und PVC gehalten, was sie anfällig für Abnutzung machte. In der Regel empfehlt sich daher eine Kompletterneuerung mit Leder. Auch die Aufarbeitung der Holzvertäfelungen kann kostspielig werden.

Das Angebot an bestens erhaltenen oder aufgearbeiteten 600ern ist derzeit so gut wie nie zuvor. Klaus Kienle, seines Zeichens Spitzenrestaurator und Spezialist für Mercedes-Klassiker aus dem schwäbischen Heimerdingen: »Wir verkaufen im Schnitt alle zwei Monate einen 600er, aktuell sogar fast jeden Monat. Er ist halt etwas Besonderes.« Statt einst 25.000 Euro kostet beispielsweise der Austausch der Hydraulikpumpe nur noch rund ein Drittel – eine Vollrestaurierung hingegen zwischen 400.000 und 600.000 Euro. Auf der anderen Seite dürfen sich die Besitzer gut erhaltener Exemplare freuen. Klaus Kienle: »Im Mittelpreis liegt der 600er zwischen 160.000 und 180.000 Euro, perfekte Exemplare kommen auf 250.000 bis 350.000.« Vorsicht ist Klaus Kienle zufolge jedoch bei Fahrzeugen geboten, die zwischen 60.000 und 100.000 Euro angeboten werden: »Das sind alles Autos, die durchaus fahrtüchtig oder technisch in Ordnung sind, aber nicht repariert oder restauriert. Wenn man ein perfektes Landaulet haben möchte, kostet das etwa 1,2 Millionen. Unter diesem Preis bekommt man kein gutes mehr.«


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