Komplexe Rezeptur. Aber lecker! - Octane Magazin

Komplexe Rezeptur. Aber lecker!

2015-05-07 10:24
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Die ganze Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 14

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Text Glen Waddington// Fotos Matthew Howell


„Wacky“ Arnolts Traum: ein Sportwagen mit seinem Namen. Das Resultat war ein transatlantischer US-Sportler mit einem britischen Chassis und einer italienischen Karosserie. Eine ungewöhnliche, aber äußerst attraktive Mischung!

Interessieren Sie sich dafür, wie viele Exemplare von einem Auto gebaut wurden, wenn es mehr als fünfzig waren? Nicht wirklich, oder? Zugegeben, manche Zahlen sind heilig: vier Bugatti Atlantic, neununddreißig Ferrari 250 GTO und drei goldene DeLorean. Aber wen kümmert es, wie viele Bristol 404 gebaut wurden? Tatsächlich lassen sich Stückzahlen nicht immer leicht bestimmen. Beim Arnolt Bristol verwundert das nicht – denn um was genau handelt es sich? Um einen Sportwagen, der in Italien auf der Basis eines britischen Chassis mit einem in England weiterentwickelten Motor aus Deutschland nach den Wünschen eines Geschäftsmanns aus den USA für den dortigen Markt gebaut wurde. Eine komplexe Rezeptur. Aber lecker!


Die Produktionszahl des Arnolt Bristol wird zumeist mit 142 angegeben. Obwohl 85 Exemplare davon überlebt haben sollen, liegt der Preis des italo-anglo-deutsch-amerikanischen Fahrzeugs beim Drei- bis Vierfachen dessen, was der Geburtshelfer 404 heute kostet. Sammler fasziniert am Arnolt Bristol in erster Linie eins: die Historie. Stanley Harold Arnolt II, Jahrgang 1907, gründete in Chicago 1932 die Arnolt Corporation. Nachdem Arnolt ein vier Meter langes Motorboot vier Stunden lang bei Sturm und Nebel über den Michigansee gejagt hatte, um die Vorzüge des Leichtbau-Innenbordmotors Sea Mite seiner Firma zu demonstrieren, verpasste ihm die Chicago Daily News den Spitznamen Wacky – zu Deutsch: ausgeklinkt, irre. Später kaufte er eintausend Morris Minor und baute einen Auto-Import-Handel auf. Schon nach kurzer Zeit konnte man bei SH Arnolt Inc. im Herzen von Chicago alle möglichen britischen Autos kaufen, von Morris über MG bis zu Aston Martin, Rolls-Royce - und eben Bristol.

Arnolts Ehrgeiz war damit keineswegs gebändigt. So kam es zu Arnolt MG – zwei auf dem Turiner Autosalon 1952 vorgestellte Designstudien. Arnolt traf sich mit Bertone. Und erkannte eine Möglichkeit, Autos zu verkaufen, die seinen Namen trugen. Sofort schloss er mit Bertone einen Deal über 200 Exemplare der Designstudie. Ein Jahr später gab der Arnolt MG auf der Internationalen Motorshow in New York sein Debüt. Doch obwohl 200 Exemplare angestrebt waren, konnten nur 103 Arnolt MG gebaut werden, denn MG hatte die Produktion des TD eingestellt. Katastrophe? Nein, es kam ein weiterer anglo-italo-amerikanischer Kandidat zustande: der Arnolt Aston Martin, im Wesentlichen ein DB2/4 mit anderem Aufbau. Acht Stück. Bristol-Export-Verkaufsleitertraf sich mit Wacky. Für ihn waren 4500 Dollar der optimale Preis für den auf einem Bristol-Fahrwerk handgefertigten Sportwagen. Ab 1953 war der Arnolt Bristol Bolide für 4250 Dollar zu haben.

Allerdings wurden von diesem spartanischen Boliden mit der halbhohen Windschutzscheibe, fehlendem Wetterschutz und dem kahlen Innenraum gerade zwanzig Exemplare gebaut. Die meisten Käufer entschieden sich für das De-Luxe-Modell für 4995 Dollar, das außerdem Stoßstangen, eine ausgewachsene Windschutzscheibe, ein Stoffverdeck und Seitenfenster hatte. Für 6390 Dollar konnte man sogar eine Coupé-Version erstehen – was aber nur fünf Käufer taten. Unterdessen konzentrierten sich die legendären Partner Bertone und Scaglione auf den Entwurf einer geschwungenen Karosserie mit niedriger Nase im Barchetta-Stil. Scaglione gelang es, die Aufmerksamkeit von den weniger schönen Aspekten wegzulenken, indem er den beiden vorderen Koflügeln einen spektakulären Bogen verpasste. Die Scheinwerfer zu beiden Seiten des Kühlergrills sind in die Karosserie eingelassen. Es ist ein Auto, das man sich endlos lange anschauen kann – und das zudem auch auf der Rennstrecke recht erfolgreich war. Im Dezember 1959 lief die Produktion aus.

Arnolt starb bereits 1962, jedoch nicht ohne einem vierten Auto seinen Namen gegeben zu haben. Der Arnolt Bentley war eine Einzelanfertigung – für Arnolt und seine Frau – nach einem Entwurf Giovanni Michelottis, für den die Carrozzeria Bertone das Chassis eines 1953er Continental R-Type nahm. Das Auto war viertürig und sah aus wie ein über-großer Arnolt MG. Unser Exemplar, ein 1953er Bolide, wurde 2012 im Auftrag von Sherwood Restorations bei Barry Hodson Cars aus Leicestershire restauriert. »Die Restaurierung war auf zwölf Monate angelegt, aber sie dauerte drei Jahre«, sagt Charles Smalley von Sherwood.

Der Wagen ist leichtfüßig, berechenbar und leicht zu beherrschen

Testfahrt, juhu! Ich wünschte, ich hätte eine Schutzbrille dabei, ich werde hinter der rudimentären Windschutzscheibe kräftig durchgeschüttelt. Aber was für ein Sound! Die absolut präzise Lenkung und die unmittelbar reagierende Vorderachse lassen den peitschenden Wind im Gesicht schnell vergessen. Das Heck tendiert zum Ausbrechen, wenn man es darauf anlegt. Der Wagen ist leichtfüßig, berechenbar, leicht zu beherrschen und auch alles andere als unbequem. Ein mit deutschem Motor und englischem Fahrwerk ausgestatteter Sportwagen, für Amerika von Italienern gebaut. Irre – irre toll!


 

BMW M635 CSI

BAUJAHR 1954 MOTOR 1971 ccm Reihensechszylinder, OHV, drei Solex 32 BI Vergaser MOTORLEISTUNG 132 PS bei 5500 U/min DREHMOMENT 173 bei 5000 U/min KRAFTÜBERTRAGUNG 4-Gang-Schaltgetriebe,HinterradantriebLENKUNG Zahnstange FAHRWERK Vorne Dreieckquerlenker oben, Querblattfeder unten, Teleskopdämpfer BREMSEN Trommeln LEERGEWICHT 908 kg HÖCHSTGESCHWIDIGKEIT 175 km/h. 0-100 km/h in 8,6 Sekunde


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