Der Traum des Großvaters - Octane Magazin

Der Traum des Großvaters

2015-01-13 09:05
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Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 6

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Text David Lillywhite // Fotos Dirk de Jager


Es dauerte Jahre, bis Andrea Zagato den Lancia Aprilia seines Großvaters endlich nachbauen konnte.  Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Ein ganz besonderer Traum, an dem ganz besonders viel Leidenschaft und Herzblut klebt,  wurde 2013 für Andrea Zagato wahr: Die Wiederauferstehung des Lancia Aprilia Sport. Der Firmenchaf höchstpersönlich hat sein Herz an den das Projekt „Nachbau“ gehängt. Schließlich war er damit seinem Großvater Ugo, der das gute Stück 1937 gebaut hatte, ganz nah. Und wenn sich die Geschäftsleitung höchstpersönlich zu einer Foto-Session hinters Steuer setzt, möchte OCTANE dabei nicht fehlen. Der akribische Nachbau des Lancia Aprilia Sport Zagato, eines Einzelstücks, ist geglückt. Das kann man mit Fug und Recht behaupten. 

Ziemlich deutlich ist zu erkennen, dass der Mann Spaß hat. Richtig Spaß. Es war nicht ganz einfach, aber nun ist es Andrea Zagato gelungen, sich unter das riesige Lenkrad des Sport Zagato zu klemmen. Seine Füße tanzen auf den zierlichen Pedalen, die schwierige Schaltung hat er im Griff. Er weiß, wie mit dem lebhaften kleinen Vierzylinder umzugehen ist. Glücklich cruist er über Nebenstraßen unter der brennenden Mittagssonne von Kalifornien. Ein paar Meilen von hier liegt die Rennstrecke von Laguna Seca, auf der immer viel los ist. Doch auf diesen Sträßchen ist kaum Verkehr, auf den gewundenen, abschüssigen Straßen haben wir hier freie Fahrt. „Wir sind ja erst vor einem Monat mit dem Auto fertig geworden“, erklärt Zagatos Marketing-Manager Paolo Di Taranto den absoluten Enthusiasmus seines Chefs.   


Obwohl – oder vielleicht gerade weil – sich bei den meisten Großprojekten der wiederbelebten Zagato-Design-Zentrale aktuell alles um BMW, AC, Aston Martin oder Bentley dreht, hat dieses kleine Auto für Paolo und Andrea eine ganz besondere Bedeutung. Beide haben – wie es den Anschein hat – ihr Herz und ihre Seele in diesen Lancia gegossen.

Es ist ein akribischer Nachbau des Lancia Aprilia Sport Zagato, eines Einzelstücks, das sein Großvater Ugo Zagato 1937 gebaut hat

Denn es ist ein akribischer Nachbau des Lancia Aprilia Sport Zagato, eines Einzelstücks, das sein Großvater Ugo Zagato 1937 gebaut hat. Die Carrozzeria Zagato war schon damals eine einflussreiche Firma. Schicksalsschläge und der Krieg prägten Ugos Leben, formten seine wichtigsten Fähigkeiten: Der Tod seines Vaters zwang ihn 1905, nach Deutschland auszuwandern, wo der erst 15-jährige Ugo – in Köln – Arbeit in einer Gießerei fand. Vier Jahre später kehrte er für seinen Militärdienst nach Italien zurück und arbeitete anschließend als Karosseriebauer für die Carrozzeria Varesina und studierte gleichzeitig Konstruktionstechnik. Während des Ersten Weltkriegs war er in Turin für den Flugzeughersteller Pomilio tätig – was großen Einfluss auf sein späteres Wirken haben sollte: Nicht nur was die Aerodynamik betraf, sondern auch beim Einsatz leichter, aber dennoch robuster Bleche. 1919 schließlich gründete er seine Firma: Carrozzeria Ugo Zagato & Co. In den folgenden zwanzig Jahren etablierte sich Zagato als Hersteller stilvoller Leichtgewicht-Karosserien.


GLÜCKLICH AM STEUER

Andrea Zagato sieht immer noch überglücklich aus, wenn auch etwas vom Winde verweht  


Lancia war zu der Zeit ganz vorn und produzierte innovative, auffällige Autos, die der Konkurrenz in vielerlei Hinsicht um Jahre voraus waren. Der  kleine Aprilia, der ab Februar 1937 gebaut wurde, war eine vergleichbar radikale Konstruktion. Ein Großteil der Attraktivität des neuen Modells basierte auf seinem wunderbaren V4-Motor und der Einzelradaufhängung vorn und hinten, die dem Lancia ein ungewöhnlich agiles Handling verlieh. Erhältlich war der Aprilia in mehreren Versionen: Es gab diverse Limousinen, ein Cabriolet, wahlweise konnte man auch ein Chassis ohne Karosserie erwerben. Diese Möglichkeit nutzten Zagato, Touring, Vignale, Bertone und sogar der Bootsbauer Riva und boten unterschiedlich gelungene Specials an. Der Sport Zagato war ein echter Hingucker.

Nicht unbedingt eine Schönheit, doch unverwechselbar und glattflächig

Nicht unbedingt eine Schönheit, doch unverwechselbar und glattflächig. Sein Profil glich dem Querschnitt einer Flugzeug-Tragfläche. Vom Original jenes Einzelstücks ist wenig dokumentiert. Verkauft wurde das Auto an eine Kundin, dann kam der Zweite Weltkrieg und der kleine Aprilia ging verloren. „Der Nachbau war die Idee von Andrea, den Anstoß gab das hundertjährige Jubiläum von Lancia im Jahr 2006. Der Aprilia Sport Zagato war ein wichtiges Design- und ein Einzelstück, das für immer verloren war. Also schlug Andrea vor, einen Nachbau anzufertigen, Lancia war ebenfalls dafür – und wir fanden einen privaten Investor, der interessiert war, das Auto zu kaufen.“, so Paolo.

Das war der erste Nachbau des originalen Aprilia Sport Zagato, silbern lackiert und im Straßen-Trimm. Nach zwei Jahren Arbeit hatte ihn Zagato im Jahr 2008 fertiggestellt. Doch in den Zagato-Archiven gab es auch Fotos des Sport Zagato im originalen Renn-Trimm, offenbar mit dunklem Rot und Ledergurt über der Motorhaube. Etwa zur gleichen Zeit traf Olga Reindlova-Neulist, Immobilienmaklerin und Broker für Sotheby’s, in New York auf Andrea und Marella Zagato. Beim Anblick eines Holzmodells des Aprilia Sport Zagato war sie sofort hingerissen. Das Projekt ‚Wiederbelebung des schönen Mädchens Aprilia‘ wurde auf der Stelle beschlossen.


Er war von der Bauhaus-Ästhetik beeinflusst, das war federführend, und nicht der Ehrgeiz, dem Auto Eleganz zu verleihen.


Andrea, glücklich im Cockpit seines Babys, erklärt:  „Die Idee war, ein Auto wiederzubeleben, das eigentlich verloren gegangen war, das es schlicht nicht mehr gab. Ich habe die Bilder im Archiv gesehen – es war ein gleichermaßen schönes und innovatives Fahrzeug, mit einer ganz schlichten Form ohne jeden Schnickschnack. Mein Großvater konzentrierte sich auf das Fahrzug in seiner Gesamtheit, nicht auf Details – und dieser Herangehensweise verdankt der Sport Zagato das Zeitlose. Er war von der Bauhaus-Ästhetik beeinflusst, das war federführend, und nicht der Ehrgeiz, dem Auto Eleganz zu verleihen.“

Dann wurden beide Nachbauten nach traditioneller italienischer Karosseriebauer-Methode hergestellt

Um das Auto nachbauen zu können, nahm man bei Zagato die sieben oder acht existierenden Fotos und berechnete die exakten Dimensionen. Mit den digitalen Daten wurde die Form eines Holzbocks berechnet, auf den dann die Leichtmetallhaut gedengelt wurde – genauso wie 1930. Dann wurden beide Nachbauten nach traditioneller italienischer Karosseriebauer-Methode hergestellt: Die Aluminiumbleche wurden langsam in Kurven geschlagen und so der Form des Holzbocks angepasst. Ein ‚Spender’-Auto wurde zerschnitten, die Limousinen-Karosserie entfernt, der Rest verstärkt und angepasst, damit die neue Karosserie aufgesetzt und befestigt werden konnte. 

Wir begeben uns auf eine weitere Fahrt. Das Auto wäre leicht zu fahren, wenn der Fahrersitz nicht für die zierliche Olga positioniert und der lange Schalthebel des Vierganggetriebes nicht in einem so extremen Winkel gebogen wäre, dass er nach oben und unten gezogen und gedrückt werden muss – statt nach vorn und nach hinten. Der Motor läuft weich, ist drehfreudig und leise genug, sodass der Auspuff für den Soundtrack sorgen kann, während wir so dahin rollen. Mit seinen rund 80 PS schafft der Aprilia Sport Zagato etwa 130 km/h – was sich aber dank der winzigen ‚Windschutz‘- scheiben ungefähr doppelt so schnell anfühlt. 


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