Das schnellste Auto der Welt - Octane Magazin

Das schnellste Auto der Welt

2015-03-23 10:52
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Diese Story finden Sie in OCTANE Ausgabe 14

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Text Robert Coucher // Fotos Mark Dixon und Steve Havelock


Im September 1923 wurde der Typ DH im Werk am Boulevard de Verdun vorgestellt – und nun für eine Wiederauferstehung aus der Garage geholt 

Der V12 springt sofort an, ist sofort bereit für eine Testfahrt der besonderen Art. Ganz anders, als unser Testpilot sich das vorgestellt habt. Die uralte Dame reagiert nicht etwa schwerfällig, sondern schnell auf die kleinste Gaspedalbewegung. Nur die Kupplung ist erwartet schwergängig, der Weg kurz. Die Schaltwege präsentieren sich deutlich länger, doch der Erste findet sich leicht. Trotz der langen Übersetzung spurtet der Delage nach dem Einkuppeln wild nach vorne. Das Lenkrad lässt sich nur schwer bewegen, reagiert allerdings direkt, Kuppeln mit Zwischengas in den Zweiten ist kein Problem. Und dann noch das: Dieser Klang!

Delage – schon dieser Name klingt aristokratisch und ungemein stilvoll. 1905 von Louis Delâge in einer unscheinbaren Scheune ins Leben gehoben, ist das Unternehmen bis heute so angesehen wie nur wenige französische Automobilmarken. Der Firmengründer verstarb zwar verarmt, 42 Jahre später, doch sein Vermächtnis hat alles ü Louis’ Meisterwerk war der fantastische V12 Typ DH von 1923. 

Am 6. Juli 1924 wurde der DH zu einer abgelegenen Straße bei Arpajon gebracht, um den Geschwindigkeitsrekord für Landfahrzeuge des Automobile Club de France zu brechen. 

So wie die meisten aufstrebenden Automobilunternehmen vor hundert Jahren begann auch Delage mit Fahrzeugen, die sich aus Komponenten anderer zusammensetzten: die erste Voiturette aus dem Werk an der Rue Corneilles – der Typ A – hatte 1906 ein Fahrwerk von Helbé, den Motor von De Dion-Bouton und die Karosserie von Delage. Die verkaufsfördernde Bedeutung von Automobilrennen erkannte Louis Delâge schnell, und er hatte ebenso schnell Erfolg. In Louis reifte die Idee, einen Geschwindigkeitsweltrekord aufzustellen. Im September 1923 wurde der Typ DH im Werk am Boulevard de Verdun mit seinem mächtigen 10,6-Liter-Motor (entwickelt von Louis’ Cousin, dem Ingenieur Charles Planchon) vorgestellt.

 

Kampfpilot René Thomas zwängte sich in das enge Cockpit. Auf der arglos daliegenden Route Nationale brachte Thomas den Koloss auf eine Geschwindigkeit von 230,17 km/h. Weltrekord gebrochen, Thema erledigt. Nicht ganz, denn auch der Engländer Ernest Eldridge ließ sich im stimmungsvollen Arpajon blicken. Der brachte seinen gigantischen Fiat Mefistofele mit und besaß die Unverfrorenheit, seinen 21,7-Liter-Renner kurz darauf auf 234,96 km/h zu beschleunigen. Wie gewonnen, so zerronnen. Die Franzosen entschieden das Ergebnis am Verhandlungstisch, gewohnt durchtrieben: Da der Mefistofele keinen Rückwärtsgang hatte, wurde er disqualifiziert. Louis Delâge behielt seinen Weltrekord, der DH kam in den Schauraum in Paris und wurde mit großem Getöse als »Schnellstes Auto der Welt« angepriesen. Thema durch. Wieder nicht ganz: Sir Ernest ließ sich nicht die Regeln derart um die Ohren hauen, also wies er seinen Mechaniker an, Mefistofele einen rudimentären Rückwärtsgang zu verpassen. Sechs Tage später war er zurück in Arpajon, nur um diesmal regelgerecht mit 233,35 km/h den Rekord abzuräumen. Touché. Der Rennfahrer John Cobb fuhr über die nächsten Jahre 38 Rennen, gewann davon elf und nahm auch an Langstreckenrekordversuchen teil. Der Delage DH fährt derweil immer noch – auch bei Rennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ ihn Cecil Clutton restaurieren und lenkte ihn – ausgestattet mit breiteren Rädern und Kotflügeln – meistens selbst an die Rennstrecke. Bei den Brighton Speed Trials unterlag er nur knapp Forrest Lycetts 8 Liter Bentley. Nach weiteren Einsätzen fing das Auto in Silverstone Feuer, als eine Zylinderlaufbüchse wegbrach und die Benzinleitung beschädigte. Es schlug in die Steilwand in Woodcote ein und brannte völlig aus, während Clutton vorher herausgeschleudert worden war. 

Und selbst hier, unter etlichen Exoten, sticht er heraus. Elegant ist er nicht, aber zweckmäßig.

Das Wrack kaufte Jack Williamson, der es wieder aufbaute und drei Zylinderblöcke für je vier Zylinder gießen ließ. Vierzehn Jahre später kam er im aufwendig wiederbelebten Rennen in Rouen-les-Essarts auf 223,70 km/h. Vor fünf Jahren erstand ein Sammler das Auto, der Blakeney Motorsport damit beauftragte, ihn wieder rennfertig zu machen. Inzwischen befindet sich der DH in der Obhut von Martin Chisholm Collector Cars Ltd.Als Vorspiel für den Hillclimb beim Goodwood Festival of Speed unterziehen wir das ehemals schnellste Auto der Welt noch schnell einem kleinen Maschinentest. Zum Abholen des Delage begeben wir uns in ein Depot für historische Fahrzeuge. Und selbst hier, unter etlichen Exoten, sticht er heraus. Elegant ist er nicht, aber zweckmäßig.

Auf den schmalen Goodrich-Pneus wirkt er wie ein monströses Insekt. Das Beste an dem Auto ist, dass es eine Straßenzulassung hat. Wir können losfahren. Wir schieben den nach draußen, wo sich Chisholm für den Start alles vorbereitet. Auf jeden der zwölf Kipphebel sprüht Chisholm etwas Öl und bittet mich, den Startknopf zu drücken, um das Öl zu verteilen. Dann legt er die Magnetzünder um, sprüht etwas Startflüssigkeit in die Vergaser und bittet mich, den Motor zu starten. Der V12 springt sofort an, reagiert schnell und auf die kleinste Gaspedalbewegung. Die Kupplung ist erwartet schwergängig, der Weg kurz. Die Schaltwege präsentieren sich deutlich länger, doch der Erste findet sich leicht. Das mit Sisal umwickelte Lenkrad lässt sich nur schwer bewegen, reagiert allerdings direkt, Kuppeln mit Zwischengas in den Zweiten ist kein Problem – doch nun ist der Delage in vollem Schwung. Was für ein Klang! Unser Fotograf hat eine lange, irgendwie französisch wirkende Gerade ausfindig gemacht, bei der ich dem alten Franzosen die Sporen geben soll. Der DH dreht dank des hohen Drehmoments leicht mit den Hinterrädern durch und verfügt ohnehin über eine sehr sprunghafte Federung, es empfiehlt sich also, sich sehr gut festzuhalten. Es fühlt sich riesig an, unglaublich! 

Mein ganzer Körper kribbelt, die Arme tun mir weh, mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ein Ur-Erlebnis! Was für ein fantastisches Gefühl von roher Gewalt.

Eine Woche später stehe ich beim Goodwood Festival of Speed in der Startaufstellung. Dem Delage hat das ständige Warten und das ganze Hin und Her vom Fahrerlager zum Start und zurück nichts ausgemacht. Dann endlich leuchtet das rote Licht, dann grün – und los! Ich gebe dem V12 die Sporen, halte mich aber beim ersten Versuch etwas zurück. Trotzdem drehen die Räder durch.

Ein wirklich fantastisches Auto, wider Erwarten reaktionsschnell und präzise statt schwerfällig

Erst einmal unterwegs, drücke ich das Gaspedal voll durch, und es geht los. Wieder voll auf die Bremse vor Morecombe, der Delage wandert leicht und schwingt sich dann auf zur Ziellinie eng entlang der Mauer. Währenddessen knistert der V12 im Schub und singt verrucht am Gas. Ein wirklich fantastisches Auto, wider Erwarten reaktionsschnell und präzise statt schwerfällig. Mit jeder Fahrt auf den Hügel werde ich besser und traue mich mehr, Gas zu geben, später zu bremsen. Okay, der Delage ist heute nicht mehr das schnellste Auto der Welt, aber er ist sicher noch immer eins der besten. 


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