Betörende Autobaukunst - Octane Magazin

Betörende Autobaukunst

2015-07-31 09:59
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Fotos Bernard Canonne


Gabriel Voisin wollte hoch hinaus. Im Flugzeugbau erfolgreich und ein Pionier, konstruierte der Franzose zwischen den Kriegen Autos, die so eigenwillig waren wie wenige. Ganz besonders verblüffend – und trotzdem in fast keinem Auto-Buch zu finden – ist der Aérodyne

Der Traum vom Fliegen ist älter als der Wunsch nach rasender Fortbewegung – und doch kamen Autos noch vor den nutzbaren Flugzeugen auf die Welt. Konsequenterweise beschäftigten sich die Motoren-Tüftler oft mit beiden. Rotierende Propeller sind im BMW-Logo bis heute schemenhaft zu erkennen, Charles Rolls flog 1910 über den Ärmelkanal. Den Weg von der Luftfahrt in den Fahrzeugbau beschritt auch Gabriel Voisin.


Mit seiner bahnbrechenden, von einem Levasseur-V8 angetriebenen Voisin Farman war er einer der Pioniere der Motorflugrevolution. Im Oktober 1907 startete sein Doppeldecker als erstes Flugzeug aus eigener Kraft in den Luftraum. Die Voisin Farman war eine Sensation, mit knapp 53 km/h erzielte sie den Geschwindigkeitsweltrekord für Landflugzeuge, Monate später den allerersten Motorflug über die Distanz von einem Kilometer! Schnell wurde das Unternehmen der Gebrüder Gabriel und Charles Voisin der größte Flugzeughersteller in Frankreich, vielleicht sogar Europa. Die Produktion kam 1916 fast zum Erliegen. Monsieur Voisin verkaufte das Unternehmen, zog sich zurück und baute sein erstes Auto. Da war er 37 Jahre alt. Ermutigt hatte ihn dazu sein Freund André Citroën. Innerhalb eines Jahres stand der erste Prototyp, basierend auf einem für Citroën entworfenen Design.

Zugelassen wurde der Voisin M1 1919, im selben Jahr, als Citroën mit dem Mittelklassewagen Type A debütierte. Der sechssitzige Voisin war mit einem – in der Luftfahrt nicht ungewöhnlichen – Schiebermotor beeindruckend geräuscharm, relativ leicht und sehr teuer. Schnell machte sich Gabriel Voisin, der Flugpionier i. R., einen Namen als Hersteller exklusiver Luxuskarossen. Erfolge bei Grand­Prix­ und Langstrecken­Rennen taten ein Übriges. Keine zehn Jahre nach dem M1 hatte sich Voisin neben Rolls­Royce und Hispano Suiza in der absoluten Oberklasse eingereiht. Wie so viele Hersteller von Prestigekarossen bekam auch Voisin 1929 die Auswirkungen des New Yorker Börsencrashs zu spüren. State-of-the-art-Fahrzeuge, die mit Autobaukunst betörten, waren nicht mehr zu verkaufen. Voisin verkaufte Teile des Unternehmens an die belgische Firma Imperia. 1933 übernahm Voisin wieder die Kontrolle.

Er setzte ab sofort voll auf Risiko. Schluss mit den kompromisslosen Konstruktionen moderner, aber eigentümlicher Luxuswagen, Neubeginn mit exzentrischen Designs für richtig reiche Kunden, sofern die ein Faible für die Avantgarde hatten. Das erste Resultat war der C25 Aérodyne, mit dem Voisin 1934 auf dem Pariser Autosalon für Aufruhr sorgte. Auffälliger als die Motorisierung war das Profil des Autos. Gemäß Voisins Maxime, dass jede Linie eine Funktion zu erfüllen hat, ermöglicht die Rundung mit konstantem Radius, das auf Gleitschienen geführte Riesendach nach hinten zu schieben; über die gesamte Länge. Ein kleines Malheur des Systems ist, dass es nur mit laufendem Motor funktioniert und dass bei geöffnetem Dach weder der Kofferraum noch der Benzineinfüllstutzen zugänglich sind. Daher ist es nicht ratsam, mit offenem Dach jemals so lange zu fahren, bis kein Sprit mehr im Tank ist. Das Auto kostete damals 80.000 Francs – etwa ein Zehntel mehr als ein von Galibier gestylter Bugatti Type 57 und fast viermal so viel wie ein Citroën 11 Légère.

Speed war für Voisin zweitrangig. Ihm lag an einem mühelosen, leisen Dahingleiten. Alle seine Autos hatten Startergeneratoren statt Anlasser sowie leise schaltende Cotal­Getriebe. Es verfügt über zwei Gänge, die je einen Overdrive haben, sodass man auf vier Gänge kommt. Noch heute scheiden sich die Gemüter, ob Voisin ein Genie oder schlicht wahnsinnig war. Die Reaktionen auf den Aérodyne ermutigten ihn jedenfalls, sein »super­streamline«­Projekt fortzuführen. Heraus kam der C28 Aérosport, der es auf dem Autosalon 1935 mit dem Bugatti T57 aufnehmen sollte. Er war der letzte echte Voisin, der in Produktion ging. Nach dreißig verkauften Exemplaren wurde die Produktion eingestellt. Voisins Visionen faszinieren Autokenner Peter Mullin noch heute: »Seine Autos sind der Inbegriff der Klassischen Moderne, in der die Form der Funktion folgt. Kaum ein Vorkriegsauto illustriert diesen Geist so deutlich wie ein Voisin.« 2005 hat Mullin den hier abgebildeten Aérodyne in einem nahezu originalen, aber heruntergekommenen Zustand von dem monegassischen Sammler Abraham Kogan gekauft und restaurieren lassen.


VOISIN C25 AÉRODYNE

Baujahr 1936 Motor 2994 ccm Sechszylinder-Schiebermotor, zwei Zenith Vergaser Motorleistung 102 PS bei 3800 U/min Kraftübertragung Elektromagnetisches Viergang-Cotal-Vorwählgetriebe, Hinterradantrieb Fahrwerk Längsfedern auf Starrachse und aus dem Cockpit verstellbare Dämpfer von André Hartford Bremsen Hydraulische Lockheed-Trommelbremsen Leergewicht 1550 kg Höchstgeschwindigkeit 130–145 km/h


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